Mindener Ärzte berichten über ihre Erfahrungen aus der Katastrophenregion / Infrastruktur völlig unzureichend
Auf Vermittlung der Hilfsorganisation "Help - Hilfe zur Selbsthilfe" waren Dr. Arsalan Asadi (40) und Prof. Dr. Volker Echtermeyer (65) Mitte Januar über die Dominikanische Rebublik nach Haiti eingereist (Berichte im MT). Im teilweise zerstörten Universitätskrankenhaus "Saint-Francois de Sales" in der Hauptstadt Port-au-Prince halfen sie Opfern. Zusammen mit einem seit 30 Jahren in Deutschland lebenden Anästhesisten aus Haiti und zwei Pflegekräften bildeten sie eine operative Einheit, die selbstständig tätig wurde.
Unter anderem die ärztlichen Kollegen von Asadi in Minden hatten diesen Einsatz ermöglicht. Nach Auskunft von Prof. Dr. Berthold Gerdes, Chefarzt der Allgemeinchirurgie am Johannes-Wesling-Klinikum, hätte das Team des Assistenzarztes dessen Arbeitspensum innerhalb der zwei Wochen übernommen. Die Geschäftsführung des Klinikums stellte ihn für den Auslandsaufenthalt frei.
Vor Ort stießen die Chirurgen auf gänzlich andere Verhältnisse, als sie hierzulande bekannt sind. Operiert wurde außerhalb der Klinik unter aufgespannten Planen. Nebenan befanden sich die Leichen von 60 Kindern und einer unbekannten Zahl Erwachsener unter den Ruinen eines Kinderheimes. Bei einer Temperatur von 37 Grad Celsius lag Leichengeruch über der ganzen Stadt.
Fünf Menschen sterben an Wundstarrkrampf
Ein Problem sei es zunächst gewesen, ausreichend Verband- und Nahtmaterial, Desinfektionsmittel oder Medikamente zu bekommen, erklärte Asadi, vieles im Gepäck selbst mitgebracht hatte. Belgische Kollegen hätten allerdings bei der Übergabe der Station Material für die Kollegen aus Deutschland zurückgelassen.
Asadi und Echtermeyer stießen auf Patienten mit Wirbelsäulenfrakturen, Knochenbrüchen, schweren Weichteilverletzungen - oft mit Wundinfektionen verbunden. "Fünf Menschen starben an Wundstarrkrampf", erinnert sich Echtermeyer an die Opfer der Krankheit, gegen die es in Deutschland Impfschutz gibt. Unter anderem mussten sie einem Achtjährigen den Unterschenkel wegen einer eiternden Fußverletzung amputieren, drei Frauen mit gebrochenen Oberschenkeln behandeln und schwere Wirbelsäulenverletzungen versorgen. Etliche Wundsäuberungen, Ausschneidungen und Nachamputationen nahmen beide vor. Und das unter Bedingen eines armen und zerstörten Landes.
"Bei der radiologischen Diagnostik mussten wir uns auf wenige Bilder beschränkten", sagt Echtermeyer. Brüche seien mit einfachen Mitteln versorgt worden. Bei der sterilen Versorgung herrschte bei Weitem nicht der sonst übliche Standard. Operiert wurde auf normalen Tischen. Mitunter kamen dabei Handwerksgeräte wie Bohrer zum Einsatz.
Volker Echtermeyer (l.) und Arsalan Asadi operierten unter notdürftigen Bedingungen. | Foto: privat
Viel Zeit blieb den Ärzten dabei nicht. Nur bei Helligkeit zwischen 8 und 17.30 Uhr wurden Patienten versorgt. Bei Einbruch der Dunkelheit nach 18 Uhr stieg die Gefahr, Opfer von Straßenkriminalität zu werden. Dann zogen sich die Ärzte aus Deutschland in ihr Quartier außerhalb der Hauptstadt zurück. "Die Bevölkerung war jedoch unglaublich freundlich", so Echtermeyer zu den Begegnungen in dem karibischen Land.
Der Einsatz in Haiti ist für beide Mediziner eine weitere Etappe ihres humanitären Engagements. Asadi ist seit 2003 in der Allgemeinchirurgie des Mindener Klinikums tätig. Er ist Vorsitzender des Hilfsvereins "Perlen für Afghanistan", der Projekte in Asadis Heimat unterstützt. Dort hatte er bereits 2007 als Arzt Hilfe geleistet und Bedürftige unterstützt.
Infrastruktur aufbauen in einem verarmten Land
Echtermeyer war bis 2008 Chef der Unfallchirurgie des Mindener Klinikums. Er leistete Hilfe in Krisenregionen wie Bosnien-Herzegowina und Serbien. Auch nach der Tsunami-Katastrophe flog er nach Sri Lanka. Nach seinen Erfahrungen in Haiti sieht er nun den Aufbau einer Führungsstruktur für eine flächendeckende medizinische Versorgung der Bevölkerung als dringlich an. Gleiches gelte für die Infrastruktur des in Diktaturen verarmten Landes. Wasserversorgung und Entsorgung durch Kläranlagen müssten sichergestellt werden. Auch wenn die USA zurzeit als Invasoren empfunden würden, seien sie die einzigen, die dies leisten könnten.