Szene-Interview: "Last Minute" ist etwas für den Urlaub - aber Gift für die Festtage / Wie alle entspannt bleiben
Alle Jahre wieder sind die Kaufhäuser und Supermärkte noch an Heiligabend voll. Viele Leute putzen auch noch. Sind diese Last-Minute-Aktionen nicht Gift für die Weihnachtszeit?
Absolut. Je stressiger die Vorweihnachtszeit, umso schwieriger ist es, Heiligabend auf Entspannung umzuschalten. Man arbeitet tagelang auf das Treffen mit der Familie und glaubt, es mit der vielen Arbeit noch ein Stückchen besser machen zu können. Man will es sogar perfekt haben. Dieser innere Anspruch und die Angst davor, dass die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden können, führen zu einer inneren Anspannung, die sich nicht mehr so einfach lösen lässt. Und dann reicht eine Kleinigkeit aus, die das Gerüst aus Anspannung und Erwartung zum Einstürzen bringt.
Neben Ente und Rotkohl kommen an den Weihnachtsfeiertagen auch ungelöste Konflikte auf den Tisch, die im Alltag keine Klärung finden. Warum ist das so? Und wie lässt sich das geschickt umgehen?
In einer schnelllebigen Zeit fällt es vielen Menschen schwer zur Ruhe zukommen. Sie haben verlernt abzuschalten und wissen oft nicht, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen sollen. Im Berufsalltag können sie Probleme verdrängen. Sie arbeiten viel, oft bis über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Ihr Gefühlsleben stellen sie hinten an. An Weihnachten ist das nicht möglich. Hier prallen unterschiedliche und oftmals überzogene Erwartungen aufeinander. Wer Probleme nicht anspricht, riskiert einen Streit. Kommunikation ist deshalb alles. Oft reicht es schon, die Erwartungen an sich und andere zu relativieren. Jeder sollte sich die Fragen stellen "Was erhoffe ich mir?" und "Was kann ich realistisch erwarten?" und daraus seine Konsequenzen ziehen.
Wie kann ich mich zwischendurch mal ausklinken, ohne gleich die ganze Familie vor den Kopf zu stoßen?
So banal es klingt, aber auch in diesem Fall ist Kommunikation das Wichtigste. Jeder wird verstehen, wenn man sich einige Minuten zurückziehen möchte. Aber man sollte auch kommunizieren, dass der Rückzug nicht etwa bedeutet, dass man sich in schlechter Gesellschaft befindet, sondern vielmehr dazu dient, eigene Kraftreserven aufzufüllen. Das Fest bietet eine einmalige Gelegenheit, sich mit seiner eigenen Innenwelt und seiner seelischen Situation auseinanderzusetzen.
Haben Sie Tipps, wie jedes Familienmitglied dazu beitragen kann, das Fest entspannt zu gestalten?
Am besten besprechen alle Familienmitglieder gemeinsam, wie sie sich das Weihnachtsfest vorstellen, was ihnen wichtig ist und was sie stresst. So lassen sich Lösungen finden, von denen alle profitieren. Eine Checkliste hilft, an alle wichtigen Vorbereitungen zu denken und diese in der Familie gerecht auf alle Schultern zu verteilen.
Dabei sollte sich jedes Familienmitglied auch ganz bewusst Auszeiten gönnen. Diese Ruhephasen können individuell gestaltet werden. Der eine entspannt sich bei einem langen Spaziergang, der andere nimmt lieber ein heißes Bad. Wer aber das Leistungsdenken des Alltags auf das Fest überträgt, macht sich selbst das Leben schwer.
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