Oft unerkannt oder ignoriert leiden viele Jugendliche oder Erwachsene an dieser Erkrankung, die erst in letzter Zeit auch offiziell anerkannt und behandelt wird. Ein Mädchen schildert ihre Begegnung mit dieser Krankheit.
Ich starrte erschrocken und mit großen Augen auf die Unterarme eines Mädchens, das neben uns am Geldautomaten stand.
Gänsehaut machte sich an meinem Körper bemerkbar. Ihre Arme waren übersät mit vielen unterschiedlich kurzen Schlitzen, es war kaum noch eine freie Stelle zu erkennen. Immer wieder schossen mir die gleichen Fragen durch den Kopf. Was? Wieso? Was hat das zu bedeuten? Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ein letztes Mal schaute ich das Mädchen von Kopf bis Fuß an, dann zog mich meine Mutter an der Hand aus der Sparkasse. Während der Autofahrt redete sie ununterbrochen, doch ich hörte nicht zu. Die Bilder schwebten mir immer noch vor Auge, die Bilder eines Mädchens dessen Arme vollkommen kaputt von all den Narben schienen. Ich unterbrach den Redefluss meiner Mutter kurzerhand mit der Frage, ob sie das Mädchen auch gesehen hätte. Mit einem überlegenden Gesichtsausdruck antwortete sie mit ?Ja?. Meine Mutter ist Psychologin und ich dachte mir schon irgendwie, dass sie sich damit auskennen würde. Jetzt konnte ich meine Neugier nicht mehr unterdrücken und fragte einfach so drauf los: Warum? Gibt es einen Namen dafür?
Natürlich kann ich, nur weil ich ihre Arme gesehen habe, nicht sagen, welche Gründe Sie dafür hat.
Aber klar ist, dass solche Menschen Probleme haben, für die sie keine Lösung finden. Z.B. Probleme in der Familie, Schule, Freunde, Liebeskummer usw.. Meistens reden sie mit niemandem darüber und wollen oder müssen es dann mit sich selber vereinbaren. Mit dem "Ritzen" wollen sie wieder etwas (anderes) spüren, wenn der Gefühlsschmerz ins unermessliche steigt und sich der Körper ganz betäubt anfühlt.
Die Krankheit wird als Borderline-Syndrom bezeichnet, das bedeutet Grenzlinie.
Was fühlt Sie wohl?
Ja, da ist die Frage, ob man die Erkrankung als Fluch oder Segen betrachten soll. Menschen mit Borderline empfinden Gefühle stärker. Wenn sie lachen, lachen sie herzlicher, wenn sie jemanden lieben, lieben sie stärker. Aber sie leiden auch mehr und sind wütender als andere. Dazu kommt oft das Gefühl von innerer Leere oder starker innerer Anspannung, die bis zum vollkommenen Taubheitsgefühl führen kann.
Woran erkenne ich Betroffene?
An den Armen als Beispiel genommen. ?Normaler? Weise verstecken die Meisten die selbstverletzten Stellen, weil sie sich dafür schämen, da das Ritzten als krankhaftes Handeln gedeutet wird und, sobald es für jeder Mann sichtbar ist, Blicke auf sich zieht und Anderen einen Grund gibt, über etwas zu tratschen. Viele Betroffene laufen sogar im Hochsommer mit Sweat-Shirts herum. Aber zurück zu deiner Frage, ausgeprägte Stimmungsschwankungen, die Angst davor, alleine zu sein und die Neigung, sich selbst zu schädigen oder sich in lebensgefährliche Situationen zu bringen, sind nur 3 der vielen Symptome, die leider oft (zu) spät erkannt werden.
Was können sie und die Angehörigen tun?
Wenn man in so einer Situation ist, sollte man sich am besten in professionelle Hände begeben, auch wenn es einem schwer fällt. Aber durch Therapie lernt man sich und seine Probleme besser kennen und auch damit umzugehen. Für die Angehörigen erschließt sich ein besseres Verständnis für die Erkrankung.
Also dadurch, dass das Mädchen aus der Sparkasse ihre Arme so offen zeigt, bin ich mir sicher, dass sie schon in einer professionellen Behandlung war oder ist. Und vielleicht auch anderen die Augen öffnen will, um zu zeigen, dass es einerseits nichts Schlimmes ist, aber auf jeden Fall auch nicht von der Familie und den Freunden ignoriert werden sollte.

















