Wählerwanderungen bei der Europawahl im Mühlenkreis / Projektion auf Bundestagswahl 2009
VON HANS-JÜRGEN AMTAGE
Minden/Lübbecke (mt). Selten sei eine Europawahl hinsichtlich der Wählerwanderungen im Vergleich zur vorigen EU-Wahl so langweilig gewesen wie die vom vergangenen Sonntag.
Dieses Fazit zieht Dr. Andreas Kohlsche, der im Auftrag des MT mit den Mitarbeitern seines Institutes für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung (IWSMF) auch die Wählerwanderungen im Kreis Minden-Lübbecke untersucht hat, mit Blick auf das bundesweite Ergebnis. "Lediglich das Erstarken der FDP auf Kosten der Union hat etwas Farbe ins Spiel gebracht", erläutert der Wahlforscher.
Viel interessanter sei der Vergleich mit dem Zweitstimmenergebnis der Bundestagswahl von 2005. Das ISWM kommt dabei zu folgenden Einschätzungen mit Blick auf die bundesweite Situation:
Wanderungen zwischen Parteien und dem Nichtwählerlager: Alle Parteien haben massiv unter der deutlich niedrigeren Wahlbeteiligung zu leiden gehabt, wenn auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß (zuerst West-, dann
Ost-Verluste): SPD 15,12%/13,30%, Union 11,48%/5,48%, Linke 1,97%/8,89%, FDP 3,02%/2,08%, Grüne 2,55%/1,40%, Rechte 0,49%/1,30%.
Wanderungen innerhalb der Lager: 1,69% im Westen, 1,04%
im Osten – die Grünen wildern ordentlich bei der SPD. Die Linken müssen im Osten 0,41% an die Grünen ziehen lassen, kompensieren das aber durch 0,63% von der SPD.
Wanderungen zwischen den Lagern: 0,56% im Westen, 0,65%
im Osten fühlen sich bei der CDU diesmal besser aufgehoben als ehemals bei der SPD.
Lagerbilanz: Ein deutlicher Rechtsruck sowohl im Westen
als auch im Osten – aber wie oben im Westen relativ glimpflicher für das linke Lager als im Osten.
Wie die Zahlen erkennen ließen, habe die sehr unterschiedliche Mobilisierung der eigenen Anhänger die Wahl entschieden –
diese Mobilisierung sei bei der SPD miserabel ausgefallen, glänzend dagegen bei den Grünen, so die IWSM-Analyse.
Das MT zeigt in den hier veröffentlichten Grafiken ebenfalls den Wanderungsvergleich mit der Bundestagswahl von 2005. Deutlich wird, dass die SPD im Mühlenkreis und in Minden, Porta Westfalica, Petershagen und Hille die Wählerschaft nicht mobilisieren konnte und im deutlichen zweistelligen Prozentpunktebereich an die "Nichtwähler" abgegeben hat. Für die CDU gilt diese Aussage ebenfalls, wenn auch nicht in dem Maße wie bei den Sozialdemokraten. Dennoch ist auch hier noch die Zweistelligkeit zu verzeichnen.
Auffallend zudem, dass der SPD im Kreis sowie in Minden, Petershagen und Hille viele Wähler in Richtung CDU und Bündnisgrüne abhandengekommen sind. In Porta Westfalica hat statt der CDU die FDP von der Negativstimmung in Sachen SPD partizipiert.
Projektion auf die Bundestagswahl
Erstmals erstellte das IWSM eine sogenannte Projektion des Wählerverhaltens auf die Bundestagswahl 2009.
Dabei wurden nur die "politischen" Veränderungen zwischen den Parteien des linken und rechten Lagers untereinander beücksichtigt, also unter Ausschluß des Nichtwählerlagers, um sowohl den Einfluß der niedrigeren Wahlbeteiligung als auch den der Freien Wähler auszuschalten. So berechnet, hätte das Ergebnis der Europawahlen als Bundestagswahlergebnis bundesweit folgendermaßen ausgesehen (in Klammern die Ergebnisse der Bundestagswahl 2005):CDU: 36,5 % (35,9)
SPD: 31,2 % (34,7)
Grüne: 11,3 % (8,5)
FDP: 9,9 % (9,8)
Die Linke: 8,6 % (8,8)
Rechte: 2,4 % (2,3)
Kohlsches Fazit:
"Im Jubel von Union und FDP am Wahlabend ist die Tatsache untergegangen, dass die Aussichten auf eine
bürgerliche Mehrheit am 27. September gegenüber der Hessenwahl im Januar noch etwas weiter gesunken sind." Eine deutliche Mehrheit gäbe es dagegen rein rechnerisch für eine rot-rot-grüne Koalition.
Projektion auf den Kreis Minden-Lübbecke
Aufgrund seiner Analyse der Wählerwanderungsberechnungen im Kreis Minden-Lübbecke fällt die Projektion für das Zweitstimmenergebnis im Kreisgebiet folgendermaßen aus, wären am 7. Juni Bundestagswahlen gewesen (in Klammern die Ergebnisse der Bundestagswahl 2005):
Die Daten ließen auch Aussagen über den Wahlkreis Minden-Lübbecke zu, da er fast identisch mit dem Landkreis sei (lediglich die Stadt Bad Oeynhausen ist dem benachbarten Bundestagswahlkreis zugeordnet). Kohlsche verortet bei FDP-Wählern tendenziell eine größere Bereitschaft, den CDU-Kandidaten in der Direktwahl zu unterstützen als die Bereitschaft von Grünen- und "Die Linke"-Wählern zur Unterstützung des SPD-Kandidaten. Demzufolge sieht er knappe aber reale Chancen für CDU-Mann Steffen Kampeter, den seit langem von der SPD gehaltenen Wahlkreis erstmals direkt zu erobern.
Das macht das anstehende Duell um das Mühlenkreis-Mandat doppelt spannend. Denn dem bereits zum vierten Mal antretenden CDU-Kreisvorsitzenden, der inzwischen bundesweite Prominenz als haushaltspolitischer Sprecher der Unionsfraktion erworben hat, steht für die SPD Neuling Achim Post gegenüber, nachdem der langjährige Abonnementswahlsieger Lothar Ibbrügger auf eine erneute Kandidatur verzichtet hatte. Der stellvertretende SPD-Bundesgeschäftsführer Post wird sich also gehörig ins Zeug legen müssen, will er tatsächlich in den Bundestag einziehen: im Gegensatz zu Kampeter ist er nicht auf der Landesliste seiner Partei abgesichert.
Zur Methode
Das Mindener Tageblatt hat das Institut für Wahl-, Sozial und Methodenforschung (IWSMF) in Kaufbeuren beauftragt, für die Europawahl 2009 eine umfassende Analyse vorzunehmen. Der
Schwerpunkt liegt dabei auf den Wählerwanderungen zwischen den Europawahlen 2004 und 2009. Darüber hinaus wird auch das
Wanderungsverhalten bezüglich der Bundestagswahl 2005 analysiert. Grundlage sind die Ergebnisse für alle 4572 Verwaltungseinheiten in Deutschland.
Die Wählerwanderungen werden mit einem
statistischen
Verfahren berechnet, das ein Maximum an individuellem Wählerverhalten
mit einbezieht - insbesondere das Stimmensplitting aus der amtlichen
Repräsentativstatistik. Der durchschnittliche Fehler bei den einzelnen
Wanderungssalden zwischen den Parteien liegt nach Aussage
des IWSMF auch auf der Verwaltungseinheitsebene absolut unter 0,01 Prozent der Wahlberechtigten.
Als Ergebnis können ausschließlich
Wanderungssalden
oder Nettowanderungen dargestellt werden. Ein Beispiel: Hat die CDU von
der FDP drei Prozent der Wahlberechtigten erhalten, aber ein Prozent an
sie abgeben müssen, dann beläuft sich der Netto-Wanderungsgewinn für
die CDU auf zwei Prozent. In den Grafiken
werden, um verschiedene Gebiete miteinander vergleichen zu können, die
Salden
nicht nur in absoluten Wählerzahlen, sondern auch in Prozent aller
Wahlberechtigten ausgewiesen, da auch die Nichtwähler eine "Partei" im
Wanderungsgeschehen sind.
In der Landkarte werden die Verwaltungseinheiten hinsichtlich des Wanderungsgeschehens in homogene Typen eingeteilt.
Verwaltungseinheiten
mit ähnlicher Entwicklung sind im selben Typ, solche mit
unterschiedlicher Entwicklung in verschiedenen Typen zu finden. In der
Kartenlegende ist der Typ in Kurzform beschrieben.
Definition der Lager und Parteien:
Nichtwählerlager:
Nichtwähler (inklusive Ungültigwähler) Freie Wähler: FW (einschließlich
EDE, Für Volksentscheide, Newropeans) Linkes Lager: Linke (Die Linke,
DKP, MLPD, PSG) GRÜNE (einschließlich APPD, Die Frauen, Die
Tierschutzpartei, Die PPartei, Piraten, ödp) SPD (einschließlich Die
Grauen, Graue) Rechtes Lager: FDP CDU/CSU (inklusive AUF, BP, CM,
Zentrum, Familie, PBC, Rentner, RRP) Rechte (50Plus, Volksabstimmung,
AGFG, Aufbruch, BüSo, DP, DVU, REP, Die Violetten, FBI, NPD, Offensive
D, Pro DM)
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