Erste internationale Reenactor-Messe lockt Geschichtsfans
Rein in die Kutte, ab ins Mittelalter
VON JÜRGEN LANGENKÄMPER
Minden (mt). In Scharen sind Menschen am Wochenende dem tristen Herbstgrau der Neuzeit entfleucht, ab ins Mittelalter. Deutschlands nach eigenen Aussagen erste internationale Reenactor-Messe lockte ein neugieriges und ein fachkundiges Publikum auf den Simeonsplatz. Rein in die Kutte, rein ins Zelt.
Nicht immer ist auf den ersten Blick klar, ob es sich beim Gegenüber in historischem Gewand um einen Aussteller handelt. "Auch viele Besucher kommen gewandet", wie Dr. Jörg-Friedrich Sander, Geschäftsführer der Minden Marketing GmbH, selbst schon ein wenig fachkundig sagt. Schließlich ist es dem Nicht-Historiker gelungen, die epochenübergreifende Messe nach Minden zu holen. Und so wird auch bei dem Highlander im Schottenrock erst bei der zweiten Begegnung klar - dieses Mal mit Kinderkarre -, dass er keineswegs als einer der Aussteller in einer Pause an den Auslagen von Konkurrenten entlang schlendert, sondern selbst als Besucher sein typisches "Gewand" gleich mitgebracht hat.
Der Epochenschwerpunkt, das wird auch dem Laien schnell klar, liegt in der Zeit des Mittelalters. Aber die Reenactor-Messe ist kein weiterer Mittelaltermarkt, wie sie sich landauf, landab immer größerer Beliebtheit erfreuen, sondern eine Fachmesse internationaler Händler und Handwerker aus zehn Ländern. Dass es dabei auch für das heimische Publikum viel Interessantes zu entdecken und zu bestaunen gibt, ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt.
"Es sind Händler unterschiedlicher Niveaus vertreten - bis hin zu sehr anspruchsvollen und teureren Produkten", sagt Christophe Dargère, Direktor der Association pour lHistoire vivante (Vereinigung für lebendige Geschichte). In Frankreich organisiert er seit 2004 Messen, deren Zahl inzwischen auf vier gestiegen ist. Sein Partner Fabian Müllers bietet mit dem Projekt "La Muse" Animationen, Akrobatik und Musik zur Unterhaltung für Groß und Klein zwischen den Rundgängen.
Besondere Aufmerksamkeit erregen die Darbietungen der französischen Falkner Marco Di Penta, Christophe Le Percq und David Defossez. Weil es draußen zu nass ist, fliegen Falke, Geier und Uhu auch schon mal im Zelt.
Dass sich die Menschen auch schon in früheren Jahrhunderten zu helfen wussten und effektive technische Hilfsmittel konstruieren konnte, demonstrieren draußen Bodendenkmalpfleger Dr. Werner Best und Vorsitzender Andreas Roefs vom Verein "Experimentum". Vor dem Preußen-Museum haben sie einen mittelalterlichen Kran, der per Laufrad betrieben wird, einen alten Planwagen und eine Steinschleuder aufgebaut. Mit letzterer beschießen sie überraschend zielsicher die alte Defensionskaserne - zum Glück nur mit Wasserbomben.
Bürgermeister Michael Buhre freut sich über so viel Trubel und internationales Flair, das Besucher von nah und fern anzieht. "Das ist gut für Minden!" Er will er selbst noch ein wenig bummeln und Ausschau halten. Nicht nach Schwertern, Pranger oder Streckbank, aber: "Vielleicht ein Kettenhemd für den Außendienst", lacht er und sucht weiter.
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