Detmold (lz). Paukenschlag im Prozess um die im November 2011 ermordete Kurdin Arzu Özmen: Der 22-jährige Bruder Osman hat zum Prozessauftakt gestanden, seine Schwester Arzu mit zwei Kopfschüssen getötet zu haben. "Ich habe einfach die Kontrolle verloren", sagte er.
Update 14.15 Uhr: Die Angeklagten kehren nach der Mittagspause wieder nach und nach in den Gerichtssaal. Der Richter ruft eine weitere Zeugin auf und ermahnt sie, die Schilderungen nicht zu dramatisieren. Die Zeugin berichtet, dass sie Arzu im Frauenhaus kennengelernt hat.
Die Zeugin berichtet zudem von ihrer Beziehung zu Arzu. Arzu habe ihr zu Beginn ein recht positives Bild von ihrem Vater vermittelt. Als ihre Beziehung zu Alexander herausgekommen sei, habe sich das Verhältnis zwischen Arzu und ihrem Vater grundsätzlich verändert. Arzu wurde laut Aussage der Zeugin mehrfach geschlagen. "Aber immer auf den Körper, damit das niemand sieht", so die Zeugin. Später erzählte Arzu auch, dass die Mutter und die jüngere Schwester bei den Schlägen mit dabei gesessen und gelacht hätten.
14.21 Uhr. Arzu habe sich gefragt, warum ihr Vater ihr das antun würde. Später hätte die Schwester Sirin versucht, über E-Mails Kontakt zu Arzu aufzunehmen. Als Arzu gemerkt hätte, dass ihr Vater nicht mehr derselbe Vater von früher war, hätte sie versucht, die Verbindungen zu ihrer Familie zu kappen und eine Umbenennung forciert.
Die Zeugin berichtet davon, dass Arzu mehrfach zu ihrem Freund Alex gefahren sei, gegen die Ratschläge der anderen Frauen, die ebenfalls im Frauenhaus gewesen seien. Arzu habe immer wieder geschwankt und behauptet: "Ich möchte zu Alex, er ist der Einzige, der meinem Leben einen Sinn gibt."
Von der Mutter habe sie nur im Zusammenhang mit den Schlägen geredet, sonst nie. Der Richter fragt die Zeugin, ob Arzu von Zwangsheirat bedroht gewesen wäre. Die Zeugin verneint dies, beziehungsweise gibt an, mit Arzu nicht über dieses Thema geredet zu haben.
14.27 Uhr: Der Richter fragt, wie die Beziehung zu ihrer Schwester Sirin gewesen ist und ob Arzu eine der Geschwister vermissen würde. Die Zeugin verneint und kann sich nicht erinnern, dass Arzu je von ihrer Schwester gesprochen hätte. Zwei Tage vorher soll die Zeugin mit Arzu telefoniert haben und ein Treffen vereinbart haben.
14.31 Uhr: Die Verteidiger Andreas Chlosta (Kirer) und Dr. Detlef Otto Binder (Kemal) stellen der Zeugin mehrere Fragen. Dr. Binder fragt nach dem E-mail-Kontakt der Familie zu Arzu. "Wie war der Ton? Wurde Arzu bedroht?" Die Zeugin gibt an, dass Arzu sich bedroht gefühlt habe. Die Anwältin von Elvis Özmen fragt die Zeugin, wie oft sie zu Alex gefahren sei. Die Zeugin antwortet, dass das nach ihrem Kenntnisstand drei bis vier Mal vorgekommen sei.
14.40 Uhr: Die Zeugin sagt aus, dass Arzu auch überlegt hätte, zur Familie zurückzukehren. Jetzt soll die Zeugin sagen, was Arzu gesagt hätte, warum sie den Namen ändern will. Zeugin: "Arzu meinte, ich bin keine Özmen mehr." Der Richter entlässt die Zeugin.
14.43 Uhr: Ein weiterer Zeuge wird gehört. Vor dem Polizisten erstattet Arzu eine Anzeige wegen Gewalt in ihrer Familie. Er berichtet davon, dass Arzu Özmen am 1. September von zwei Familienangehörigen zusammengeschlagen wurde. Auslöser soll ein Rosenstrauß von Alexander gewesen sein, der zu ihrem Elternhaus geschickt wurde.
Der Zeuge berichtet davon, wie Arzu von den Brüdern verprügelt wurde und von dem Moment, als sie das Haus verließ. Arzu hat offenbar genau den Moment abgepasst, als ihre Schwester Sirin und die Brüder nicht zu Hause waren. Der Zeuge berichet davon, dass Arzu nach dem Überfall ihrer Familie im Vorfeld der Verschleppung "dolle" Angst gehabt hätte. "Sie hat deutlich gesagt, ich glaube, die werden mich umbringen."
Der Richter fragt erneut nach der Zwangsverheiratung. Der Zeuge macht dazu keine Angabe. Ein weiterer Polizist wird als Zeuge augerufen. Der Kriminalpolizist hatte damals nach Arzus Anzeige mit dem Vater von Arzu und einem der Brüder eine sogenannte "Gefährdeansprache" vorgenommen. Dabei hätte es Anfeindungen mit der ältesten Schwester gegeben. "Sie hat uns ganz klar zu verstehen gegeben, dass das Ganze eine Familienangelegenheit wäre und uns nichts anginge."
Der Prozessauftakt
Zu Beginn des Prozesses hatte die 27-jährige Sirin Özmen bei der Schilderung der Tatnacht ihren Bruder Osman (22) schwer beschuldigt. Auch der wegen Mordes angeklagte Bruder Kirer (25) bestätigte diese Version der Ereignisse. Alle drei gaben auch zu, Arzu entführt zu haben.
Laut Aussage der Schwester hätte die Familie in der Tatnacht nicht erlaubt, die verstoßene Arzu ins Elternhaus zu bringen. Sirin, Osman und Kirer Özmen waren nach der Verschleppung von Arzu aus der Wohnung ihres deutschen Freundes Alexander gemeinsam mit Arzu im blauen Golf der Familie nach Hamburg zu einem "jungen Onkel mit liberaler Einstellung" (Sirin Özmen) gefahren. "Arzu war erst wütend und aufbrausend, hat uns alle beschimpft", erzählte die Schwester unter Tränen. Sie hätte sich später aber wieder beruhigt und vordergründig zugestimmt, zum Onkel zu fahren.
Als dort niemand öffnete, entschlossen sich die Geschwister nach eigener Aussage, Arzu nach Lübeck zu einem anderen Onkel zu bringen. Auf der Strecke hielten die Geschwister schließlich mit ihrer Geisel an einem Waldweg an, "weil Kirer austreten musste", erklärte Sirin. Auch Arzu wäre kurze Zeit später ausgestiegen, Osman sei ihr gefolgt. Die Schwester gab an, selbst im Auto geblieben zu sein, bis sie plötzlich zwei Schüsse gehört hätte.
Zum Prozessauftakt gab es ab kurz vor 8 Uhr eine Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude. Initiiert hatten dies die die Organisationen "Terre des Femmes" und "Peri". | Foto: Seda Hagemann
"Ich bin aus dem Auto ausgestiegen, nein gesprungen und bin Richtung Wald gerannt". Dort habe sie Osman mit einem Gegenstand in der rechten Hand gesehen und ihre Schwester Arzu hätte am Boden gelegen. Sie hätte nicht begreifen können, was passiert sei. Sie habe Osman angeschrien, der habe allerdings nicht reagiert und sei völlig still geblieben. "Dann bin ich zurück zum Auto, habe mich auf die Rückbank gelegt und geheult", so die 27-Jährige.
Bei der Schilderung der Vorfälle nach Arzus Entführung und bei der Ermordung der Schwester weinten auch die Brüder Kirer und Osman. Auch die Schwester Sirin brach während ihrer Erzählung immer wieder in Tränen aus. Ursprünglich hatte ihr Anwalt eine Pause für seine Mandantin gefordert, diese lehnte der Vorsitzende Richter Michael Reineke aber ab. "Wir kommen jetzt endlich zum spannendsten Moment. Jetzt reißen Sie sich einmal zusammen und stehen das durch", sagte er zur Angeklagten.
Nach der Schilderung von Sirin fragte der Richter schließlich Bruder Kirer Özmen, ob er der Erklärung seiner Schwester zustimme. Dieser antwortete: "Es ist genau so passiert, wie meine Schwester es erzählt hat." Danach beantragte die Verteidigung eine Pause. Mittlerweile äußert sich der schwer belastete Bruder Osman zur Sache.
Die fünf Geschwister der an Allerheiligen entführten Arzu Özmen müssen sich von heute an vor dem Landgericht Detmold verantworten. Der Vorwurf gegen sie lautet gemeinschaftliche Geiselnahme. Sirin, Kirer und Osman Özmen wirft die Staatsanwaltschaft zudem Mord aus niederen Beweggründen vor.
Mahnwache vor Prozessbeginn
Zum Prozessauftakt gab es ab kurz vor 8 Uhr eine Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude. Initiiert hatten dies die die Organisationen "Terre des Femmes" und "Peri". Mit der Aktion soll ein Zeichen gegen überkommene Ehrbegriffe und für eine gerechte Bestrafung der Täter gesetzt werden. Nach den Reden von Serap Cileli (Peri) und Irmingrad Schewe-Gerigk (Terre des Femmes) wurde mit einer Schweigeminute an Arzu erinnert werden.
Etwa 40 Menschen, unter ihnen Grünen-Politikerin Ute Koczy, nahmen daran teil. Sie zündeten Kerzen an und hielten Plakate u.a. mit der Aufschrift "Kein Kulturbonus für Ehrenmörder" hoch. Fast größer war das Presseaufgebot. Kamerateams allernamhafter Sender wie ARD, ZDF, RTL, SAT1 oder VOX waren vor Ort.
Die Leiche von Arzu Özmen wurde Mitte Januar bei Hamburg gefunden. Die Familie gehört zur Glaubensgemeinschaft der Jesiden. Tatmotiv ist nach Überzeugung der Anklage, dass die Familie die Beziehung Arzus zu einem deutschen Bäckergesellen nicht akzeptieren wollte.