Wie Ingenieure der DB Systemtechnik Unfallursachen ermitteln / Bruchkanten sind für Experten wie ein Buch
Die DB Systemtechnik GmbH ist Europas größtes Zentrum für Bahntechnik. An der Pionierstraße nahe des Bahnhofs sind die Mitarbeiter auf Ingenieur- und Prüfleistungen wie Brems- und Fahrtechnik spezialisiert. Unfallursachen zu ermitteln, ist nur ein Teilgebiet der täglichen Arbeit. "60 bis 70 Gutachten pro Jahr werden hier erstellt", sagt Diplom-Ingenieur Klaus Albert Bolten (62, Leiter des Geschäftssegmentes Zulassungsmanagement, Prüfung und Zertifizierung). "Die meisten beziehen sich auf Neuzulassungen." Der Aufwand für ein Gutachten fällt ganz unterschiedlich aus: "Wenn alle Daten vorliegen, sind wir in zwei Monaten fertig." Bei dem Unfall in Vennebeck (6. Januar 2010) hingegen benötigten die Ingenieure allerdings acht Monate: Im August 2010 konnte die DB Systemtechnik das fertige Gutachten vorlegen.
Klaus Albert Bolten: "Für Gutachten gilt das Vier-Augen-Prinzip." | Foto: pr
Vier Waggons waren bei dem Unfall auf der stark frequentierten Stelle aus den Schienen gesprungen. Bei dem Unfall wurde niemand verletzt. Allerdings musste die Bahnstrecke stundenlang gesperrt werden. Drei Intercity-Züge standen im Stau. Insgesamt wurde ein Schaden von rund 900000 Euro verursacht.
Unfälle werden am Computer simuliert
Längst nicht bei jedem Unfall werden die Mindener Spezialisten mit ihren diversen Prüflaboren zurate gezogen: "Meistens ist die Unfallursache eindeutig", so Bolten. Wenn nicht, bekommen die Ingenieure einen neuen Auftrag auf den Tisch - in diesem Fall von der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes (EUB) in Bonn, manchmal auch direkt vom Staatsanwalt. Dann rücken zwei Fahrzeugtechniker aus, um die Unfallstelle unter die Lupe zu nehmen.
Die meiste Arbeit bei einer Unfalluntersuchung findet aber im Labor statt. Hier ist das technische Know-how der Bahn konzentriert. Unmengen von Daten werden gesammelt und in ein Computerprogramm eingegeben, mit dessen Hilfe der Bahnunfall digital simuliert werden kann.
Die Tatsache, dass hinter der Unfallstelle ein Bruchstück aus der Gleisanlage gefunden wurde, lasse nicht zwingend den Schluss zu, dass es Ursache des Unfalls sei, betont Klaus Albert Bolten. Möglicherweise sei der Schaden erst bei dem Herausspringen der Waggons entstanden. Zu welchem Ergebnis die DB Systemtechnik in ihrem Gutachten gekommen ist, sagt er nicht - mit Hinweis auf das laufende Verfahren. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bielefeld sollen unbeeinflusst bleiben. Zum Bruchstück nur so viel: "Bruchkanten haben für uns große Aussagekraft." Denn kein Riss oder Bruch verläuft genau wie der andere. Jeder Trennungsvorgang wird durch verschiedene Kräfte (zum Beispiel Zug-, Biege- oder Scherkräfte) mit immer unterschiedlichen Wirkungsrichtungen beeinflusst. Von wo ist der Riss ausgegangen? Passierte es schnell oder langsam? Gab es vielleicht Unreinheiten im Metall selbst? - Die Techniker der Bahn finden es raus.
Es ist übrigens nicht so, dass ein Zug zwangsläufig entgleisen muss, sobald es eine Lücke in den Schienen gibt. Klaus Albert Bolten erinnert sich an einen Fall auf der Neubaustrecke zwischen Hannover und Göttingen. "Auf gerader Strecke hatten Unbekannte einseitig ein etwa ein Meter langes Stück des Gleises herausgesägt. Mehrere Züge fuhren problemlos über die Lücke."
Damit die Ursachen eines Bahnunfalls so präzise wie möglich ermittelt werden, gilt bei Gutachten der DB Systemtechnik das Vier-Augen-Prinzip - es arbeiten also immer mindestens zwei Leute daran.