Seit der Alarmierung gestern Morgen um 9.24 Uhr ist für die Tönsmeier-Mitarbeiter in Porta Westfalica nichts mehr so, wie es vorher war.
"Das Schlimmste ist, dass man einfach nichts machen kann", ist Jakob Brosinski völlig verzweifelt. Er arbeitet bereits seit 19 Jahren für das Portaner Unternehmen und hat schon vor dem Eintreffen der Feuerwehr versucht, mit seinen Kollegen das Feuer zu bekämpfen - vergeblich.
Eigentlich seien die meisten Mitarbeiter aufgefordert worden, das Gelände zu verlassen und nach Hause zu fahren. "Aber wir bleiben hier und stehen zur Verfügung, falls wir irgendwie helfen können", sagt Brosinski. Immer wieder lässt der den Blick über das Gebäude schweifen und schüttelt ungläubig den Kopf. Den beißenden Geruch von verbranntem Müll und die drückende Hitze des Feuers scheint er gar nicht wahrzunehmen.
Beim Frühstück vom Feuer überrascht
"Wir waren gerade beim Frühstück, als wir von dem Brand erfahren haben", erinnert sich Edgar Au und zeigt auf das Gebäude, an dem die Flammen schon eine Außenlampe komplett geschmolzen haben: "Unser Kaffee steht da jetzt immer noch." Ein Baggerfahrer hätte das Feuer bemerkt und die anderen Mitarbeiter per Funk benachrichtigt. Er und seine Kollegen hätten alles stehen und liegen gelassen, schnell die Schläuche geholt und versucht den Brand zu löschen", beschreibt Jakob Brosinski das weitere Vorgehen, das durch einen Notfallplan geregelt ist. "Jeder weiß, wofür er zuständig ist. Es gibt auch zentrale Sammelstellen."
Keine Pause für die Einsatzkräfte
Vom Boden und aus der Luft versuchen die Einsatzkräfte den Brand unter Kontrolle zu bekommen. | Foto: Alexander Lehn
Unterdessen kommt ein Feuerwehrmann vom Tönsmeier-Gelände. Seine Nase ist blutig, das Gesicht schweißüberströmt. Doch eine Pause können sich die Einsatzkräfte nicht leisten. Bereits wenige Minuten später ist die Wunde versorgt und der Helfer nimmt den Kampf gegen die Flammen wieder auf.
Hin und wieder würde es kleinere Brände geben, die aber schnell gelöscht werden könnten, so Edgar Au weiter. "Aber in einem solchen Ausmaß hat es hier noch nie gebrannt", kann sich Au an kein vergleichbares Unglück erinnern.
Nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch viele Portaner Bürger stehen sichtlich geschockt vor der Absperrung der Feuerwehr. "Ich habe die riesige Rauchwolke gesehen und habe zuerst gedacht, dass an der Schule etwas passiert ist", erklärt Florian Brinkmann, warum er sich so früh mit seinem Fahrrad auf den Weg gemacht hat.
Aus dem Radio haben die Schülerinnen Annika Woike (18), Davine Ottensmeier (17) und Franziska Fürstenberg (17) von dem Brand bei Tönsmeier erfahren und sind in einer Freistunde zum Unglücksort gepilgert. "So etwas kenne ich sonst nur aus dem Fernsehen", sagt Annika Woike und muss beim Anblick der riesigen Feuerwand an den 11. September und den Einsturz des World Trade Centers denken. "Wir haben alle schon unsere Mütter angerufen", sagt Davine Ottensmeier. Ihr mache der Anblick Angst. Franziska Fürstenberg hat schon öfter ausgediente Elektrogeräte zu Tönsmeier gebracht. "Da hinten steht sicherlich noch unsere alte Mikrowelle."
Szenen und Fakten am Rande eines Großbrandes
Während es auf dem Tönsmeier-Gelände in Porta lichterloh brannte, war die Geschäftsführung des Unternehmens in Polen. Dort wurde gestern eine weitere Entsorgungsanlage Tönsmeiers eröffnet.
Ein Pressesprecher der Bahn fragte gestern beim MT an, ob man abschätzen könne, ab wann der Bahnverkehr wieder aufgenommen werden kann. Das MT sei näher an den Informationen, so der Sprecher.
Michael Horst von der Feuerwehr Porta Westfalica sagte während der Löscharbeiten: "Es brennt 30 bis 40 Mal im Jahr in der Papiersortieranlage. Die Einsätze dauern in der Regel nur 15 Minuten." Später sagte ein Tönsmeier-Sprecher dazu: "Unsere Brandmeldeanlagen sind so sensibel, dass auch Kondenswasser aus nass gewordenem Papier Alarm auslöst." Es handele sich in den meisten Fällen um Fehlalarme.
Insgesamt wurden für den Brand mehr als 500 Einsatzkräfte am Sammelplatz Kanzlers Weide zusammengezogen. 30 000 Liter Löschschaum wurden angefordert. Für die Fahrzeuge wurden 2500 Liter Dieselkraftstoff angeliefert.
Im Einsatz waren zwei Löschhubschrauber der Bundeswehr, die in einem Kiesteich Wasser aufnahmen, außerdem zwei Beobachtungshelikopter der Polizei. (sbo/nik)