Unter Medikamenteneinfluss Handtaschen entwendet / Angeklagter Familienvater zeigt Reue
Seiner Bereitschaft zum Geständnis und zur Kooperation bei der Aufklärung der Taten, die ihm andernfalls unter Umständen gar nicht alle nachzuweisen gewesen wären, hatte der Tatverdächtige es bereits zu verdanken, dass er unmittelbar nach seiner Ergreifung im September nicht in Untersuchungshaft kam, sondern zu seiner Familie zurückkehren konnte. "Herr M. räumt alle acht Fälle vom Grundsatz her ein", erklärte Rechtsanwalt Bernd Brüntrup nach Verlesung der Anklageschrift. Ziel sei es, "eine Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren zu vermeiden".
30 bis 40 Tabletten am Tag konsumiert
Dazu zeigte sich der Angeklagte von Anfang an voll geständig und auch in der Verhandlung unter Vorsitz von Richter Andreas Böhme aussagebereit, sodass den Opfern eine Aussage vor Gericht erspart blieb. Der Täter konnte sich nicht mehr an jedes Detail seiner Taten erinnern, die er unter Tabletteneinfluss begangen hatte.
Im Ruhrgebiet geboren, hatte M. mit zwölf Jahren erstmals Alkohol getrunken, mit 15 Haschisch, mit 16 Heroin konsumiert. Trotzdem blieb er unauffällig - mit Ausnahme von Strafen aufgrund kleinerer Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz -, machte er Handwerkslehre, leistete Zivildienst und arbeitete kontinuierlich. 2002 kam er mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, mit der er inzwischen zwei Kinder hat, wegen einer Therapie nach Minden. Anschließend arbeitete er in seinem erlernten Beruf. Die Substitution mit Methadon half ihm, die Heroinsucht im Griff zu behalten.
Doch dann verlor M. seinen Job und war auf Hartz IV angewiesen. Zwischendurch nahm er Arbeitsgelegenheiten, Ein-Euro-Jobs, wahr. Die Geburt des zweiten Kindes, "ein Schreikind", belastete die Familie. Im Frühjahr 2009 begann er, Beruhigungstabletten zu nehmen. Die Arbeitslosigkeit verschwieg er seiner Partnerin - auch um sich tagsüber ihrer Kontrolle zu entziehen. Von anfangs zwei bis drei Tabletten am Tag "zu 2,50 Euro" stieg der Bedarf rapide auf 30 bis 40 Tabletten. Fatal: Diese Dosierung wirke in Verbindung mit einer geringen Menge Alkohol und der täglichen Methadon-Ration nicht mehr beruhigend, sondern steigere die Aggressivität, sagte ein Vertreter der Drogenberatung.
Staatsanwalt fordert drei Jahre und sechs Monate
Die Situation geriet außer Kontrolle, als die Mutter des Angeklagten bei einem Besuch dessen für sie offenkundige Sucht ansprach und drohte, das Jugendamt einzuschalten. Kurz drauf beging der Sohn am 17. Juli seinen ersten Handtaschenraub vom Fahrrad aus und überfiel bis zum 7. September vornehmlich auf dem rechten Weserufer und im Glacisbereich insgesamt acht meist ältere Frauen - oft ohne großen Kraftaufwand. Zwei Seniorinnen stürzten jedoch und verletzten sich, eine davon so schwer, dass ihr Oberarmbruch operiert werden musste.
Neben Bargeld in relativ geringer Höhe erbeutete der Räuber Geldkarten, die er jedoch erfolglos an Geldautomaten einzusetzen versuchte. Dadurch jedoch kam ihm die Polizei auf die Schliche und verhaftete ihn zu Haus am Morgen nach den beiden letzten Taten (MT vom 9. September).
Nach der Verhaftung überwand der Angeklagte seine Tablettensucht, nahm erneut den Kontakt zur Drogenberatung auf und akzeptierte Hilfe für die Familie und vor allem die Kinder. Von seinem schmalen Hartz-IV-Einkommen knappste er 50 bis 75 Euro im Monat ab und stellt es seither seinem Anwalt zur Wiedergutmachung für die Opfer zur Verfügung. Zudem verfasste er ein Entschuldigungsschreiben an die Opfer.
Der Staatsanwalt forderte trotz Berücksichtigung mildernder Umstände eine Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten. Das Gericht blieb mit seinem Urteil von zwei Jahren und vier Monaten zwar weit darunter - jedoch über der Möglichkeit einer Bewährungsstrafe.
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