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12.09.2007
"Mit Essen wird Langeweile oder Kummer kompensiert"
Suchtberatungsstelle ist auch Anlaufstelle für Übergewichtige / Bewegung und richtige Ernährung wichtig für das Abnehmen
VON ANGELA MEISSNER

Minden (mt). Der Speck muss weg. Nur wie? Mit der Fünf-Tage-Blitz-Diät, mit den Weight Watchers oder doch mit Eigenmotivation? Wer vom Übergewicht weg will, muss erst einen Dschungel von vielversprechenden, meist wirkungslosen Angeboten durchlaufen. Alleine schaffen das nur wenige.

Gewichtsreduktion: Für viele heißt das, weniger essen, gesünder essen. Erika Levene von der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werkes sieht darin den falschen Weg. "Übergewicht - das kann nicht nur verkehrte Ernährung sein", sagt sie. "Mit dem Essen wird etwas kompensiert. Langeweile zum Beispiel oder Kummer." Sie spricht deshalb auch von einer Esssucht, bei der das Essverhalten eine eigene Dynamik erhalte, aus der man allein nicht herauskomme.

In Gesprächen mit Übergewichtigen legt die Sozialarbeiterin deshalb viel Wert auf die Suche nach der Ursache der Essstörung. Sie rät den Betroffenen, ein Esstagebuch zu führen. Wie viel esse ich? Wann esse ich? Wie fühle ich mich? Habe ich überhaupt noch Hungergefühle? Wofür steht das Essen? "Die Frauen und Männer sollen herausfinden, wie sich die Essgewohnheiten in der Biografie entwickelt haben", erklärt Erika Levene. "Viele essen sich aus der Realität weg." An erster Stelle stehe immer das Essen, alles andere trete zurück.

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Helfen kann Erika Levene nur denjenigen, die motiviert genug sind, ihre Situation verändern zu wollen. "Unsere Beratung besteht darin, die Motivation zu stärken." Einigen empfiehlt sie eine stationäre Maßnahme, zum Beispiel im Fachzentrum für essgestörtes Verhalten in Bad Oeynhausen. Sie sieht darin eine Möglichkeit, aus dem Kreislauf der Esssucht herauszukommen. Wichtig seien auf die Therapie folgende Gespräche, sagt Levene.

Zur Zeit betreut sie vor allem Frauen zwischen 30 und 50 Jahren in der Suchtberatungsstelle an der Fischerallee 3, in der Form auch die einzige in Minden. "Wahrscheinlich kommen mehr Frauen als Männer, weil sie sich nicht so schwer damit tun, ihre Gefühle zu erzählen."

In den Kursen der Krankenkassen treffen die Therapeuten oft auch auf mehr Frauen als Männer. "Männer wollen anders abnehmen. Sie nehmen lieber alleine ab", sagt Heike Hachmeister, Ernährungsberaterin bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Sie hat aber auch beobachtet, dass der Anteil der Männer zunehme. Auf 20 Frauen kommen in etwa sechs Männer, die am Kurs der Krankenkasse teilnehmen.

In Minden bietet die AOK für Betroffene mit einem leichten bis mittleren Übergewicht, also einem Body-Mass-Index zwischen 25 und 30, einen zehnwöchigen Kurs zum Abnehmen. "Das ist keine Dauerbetreuung, sondern nur eine Anregung", betont Hachmeister. Im Kurs geht es um die richtige Ernährung und um Bewegung. Zehn Mal stehen 75 Minuten Sport auf dem Programm. Dazu gehören unter anderem Gerätetraining und Walking.

Zusätzlich bietet die Kasse Ernährungskurse ohne Sport. Die gibt es auch bei den Betriebskrankenkassen oder der Techniker Krankenkasse in Zusammenarbeit mit den Unternehmen. Ebenso bietet wie die AOK die Innungskrankenkasse einen Kurs zum Abnehmen. Ähnlich gestalten sich die Kurse der Volkshochschule Minden. "Lieber leichter" gibt Tipps zur gesunden Ernährung und zum Wohlfühlgewicht. Allerdings ohne Bewegung und, wie bei den Krankenkassen, auf ausschließlich zehn Stunden festgelegt.

Solche Kurse können deshalb nur anregen, Hinweise geben. Die Motivation, die Tipps umzusetzen, muss jeder selbst finden. "Die Kurse sind nur ein Anstoß", sagt Reinhard Lubbe vom Kreisgesundheitsamt. "Allein bekommt man das nicht hin. Da ist die Dynamik in der Gruppe hilfreich", ergänzt Peter Witte, Leiter des Kreisgesundheitsamtes. Sie raten, die Bewegung in den Alltag einzubauen. "Viele Leute denken, sie müssten was Großes leisten, aber schon die kleinen Bewegungen im Alltag sind wichtig", sagt Peter Witte. Statt Fahrstuhl also lieber Treppe. Statt Auto lieber Fahrrad.

Zusätzlich sei dreimal pro Woche eine halbe Stunde Ausdauersport, wie laufen und schwimmen, nötig. "Man muss dabei schon in Wallung kommen", rät Lubbe. Denn leichtes Gehen bringe nichts. "Die Walker sollten sich nicht nur durch ihre Kleidung von den Spaziergängern unterscheiden", findet Peter Witte.

Für die Ernährung gilt folgende Regel: 55 Prozent Kohlenhydrate, 33 Prozent Fett und zwölf Prozent Eiweiß. Wer zudem auf die Kalorien achtet, sich überwindet und aufrafft und der Ursache seiner Sucht auf die Spur kommt, ist auf dem richtigen Weg. Für Übergewichtige und Esssüchtige meist ein langer beschwerlicher Weg.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2014
Dokument erstellt am 11.09.2007 um 21:25:26 Uhr
Letzte Änderung am 12.09.2007 um 00:09:37 Uhr

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