Gedanken zum sonntag
Dieses Mal habe ich Silvester im "Sandkasten" verbracht: Fuerteventura.
Gemeinsam mit einer Frau meines Alters, die ich bei der Bergwanderung kennengelernt hatte, hatte ich mich jetzt verabredet zu einer Shopping-Tour in Jandia. In bester Stimmung schlenderten wir die Shoppingmeile hoch und runter. Plötzlich drehte sie sich um zu mir und sagte: "Da ist er wieder!" Ich wusste nicht, wen sie meinte. Dann zeigte sie ihn mir: Einen unscheinbaren Mann mit Brille, der einen kleinen Hut vor sich auf den Bürgersteig legte und sich vor einer Straßenlaterne aufbaute. Aus einem Stoffbeutel holte er sein "Instrument": einen Pappstreifen ohne Aufschrift. "Auf dieser Pappe macht er Musik mit seinen Fingernägeln", sagte sie mir. Meine erste spontane Reaktion darauf war: "Das ist ja ekelig ", weil ich mich nur ungern erinnerte an meine Erfahrungen aus der Schule, wenn die Fingernägel über die Wandtafel schrabbten.
Wir gingen weiter. Unser Einkauf führte zumindest für mich zum Erfolg: Ich hatte das Gesuchte gefunden. Wieder mussten wir an dem Mann vorbei. Dieses Mal hörte ich ihn leise singen: Es war irgendeine spanische Weise, die er auf seinem Pappstreifen begleitete. Und es hörte sich überhaupt nicht ekelig an, im Gegenteil: Das Bild rührte mich zutiefst, wie er da so bescheiden stand und für die Vorbeigehenden leise sang.
Wieder gingen wir weiter, bis ich ziemlich unvermittelt meine Begleiterin fragte: "Sag mal, wollen wir ihm nicht was geben?" Wir schmissen bescheidene drei Euro zusammen. Ich wollte das Geld schon in den Hut werfen, in dem sich nur wenige Cent-Münzen befanden. Da streckte er mir seine Hand entgegen und ich legte das Geld hinein. "Danke", sagte er leise.
"Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan", so heißt es in Jesu Rede vom Weltgericht (Matthäus 25, 40b).
Das ist einer der wirklich wenigen Vorsätze zum neuen Jahr: Mich stärker anrühren zu lassen von Randerscheinungen wie der aus meinem Neujahrsurlaub. Den meisten von uns tut es doch nun wirklich nicht weh. Aber bei dem Anderen kann es womöglich ein kleines Wunder bewirken.
Bettina Mittelbach ist Pfarrerin im evangelischen Schulreferat und Schulseelsorgerin
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