Gedanken zum sonntag
Da muss man doch schon einen großen Glauben haben, um einen solchen Satz zu unterschreiben oder man muss das Bibelwort aus dem Losungsheft für den heutigen Sonntag bis zum Ende lesen. Es steht in Prediger (Kohelet) 7,29 und lautet "Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht, aber sie suchen viele Künste."
Und wieder komme ich ins Schwanken. Einerseits berichtete auch diese Zeitung von manchen ernsten Anfragen an die Aufrichtigkeit von politischen Würdenträgern und anderen herausgehobenen Persönlichkeiten. Andererseits: Menschen sind doch nicht alle unaufrichtig, und ich selbst bin eigentlich eine ehrliche Haut - Sie doch auch, oder?
Und uneigentlich? Uneigentlich erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich manchmal schweige oder "diplomatisch" ausdrücke, was ich sagen will. Und schon bin ich bei den Künsten - nicht nur der Diplomatie, sondern auch bei denen vom Bibeltext.
Mir fallen viele Begegnungen und Gespräche ein, in denen ich Konflikte umschifft oder Streit vermieden habe, und erst jetzt im Nachhinein frage ich mich, ob das nicht unaufrichtig war. Aber muss ich immer allen klar auf den Kopf zusagen, was ich denke, wie ich Dinge finde?
Mache ich mir immer alles so deutlich und bewusst, wenn ich mich und mein Leben betrachte, was ich an Fehlern und Problemen bei mir selbst entdecke? Eigentlich bin ich eine ehrliche Haut, aber wie es da drinnen aussieht, das möchte ich eigentlich niemandem so schonungslos offenbaren. Ich würde mich selbst zermartern und wir würden uns ständig gegenseitig kritisieren - ich gebe zu, das wäre wohl unerträglich.
Also bin ich eigentlich aufrichtig, aber wenn es konkret und damit unangenehm wird, dann kann ich es nicht mehr sein? Hat sich die Aufrichtigkeit mit dem Sündenfall bei Adam und Eva erledigt? Ich denke an Situationen, in denen es gelungen ist, dass jemand mir oder ich einem anderen gegenüber aufrichtig war, auch wenn die Aufrichtigkeit schwerfiel, manchmal auch mir oder dem anderen wehtat. Dazu braucht es Vertrauen, damit der eine sich traut, etwas zu sagen, und der andere es wagt, diese Worte an sich heran zu lassen. In der Regel kann es nur im Raum des gegenseitigen Vertrauens gelingen, dass Aufrichtigkeit ihren Weg von einem Menschen zum anderen, von einem Herzen zum anderen gehen kann. Eigentlich bin ich eine ehrliche Haut - nicht nur von Gottes Schöpfungsabsicht her. Aber nicht immer gelingt es, aufrichtige Gedanken mit anderen zu teilen.
Manchmal ist es die falsche Situation, manchmal fehlt es an Vertrauen, aber ab und an sind solche Gedanken auch Ausreden, um mich vor einem klaren Wort und seinen möglichen Folgen zu drücken. Ich habe den Losungstext für heute herausgerissen und an meinen Monitor geklebt. Er soll mich daran erinnern, dass ich beim Schreiben von Briefen und E-Mails und beim Telefonieren daran denken will, dass wenn Aufrichtigkeit schwerfällt, ich vielleicht am Vertrauen arbeiten sollte.
Pfarrer Dr. York-Herwarth Meyer ist Pfarrer in der Militärseelsorge
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