Gedanken zum sonntag
Alle Zeitrechnung ist relativ. Die Römer zählten die Neumonde, die Kalenden, als Feiertage. Ihrer Auflistung verdanken wir den Namen Kalender. Die Griechen wiederum zählten keine Kalenden. Der humorige Bildungsbürger datiert daher gern ein Ereignis, das in absehbarer Zeit nicht stattfinden dürfte, auf die griechischen Kalenden.
An diesem Sonntag beginnt das letzte Jahr des Maya-Kalenders. Mit der Wintersonnenwende 2012 endet die Zeitrechnung dieser mittelamerikanischen Kultur. Vertreter anderer, vornehmlich christlich geprägter Kulturen interpretieren diesen Umstand gern als das Datum des Weltendes.
Der Blick auf das Ende hat im Christentum durchaus eine eigene Kultur entfaltet. Möglicherweise hat das weniger mit Religion, sondern eher mit Gewohnheit zu tun. Wo das, was der Mensch gewohnt ist, aufzuhören droht, stellen sich Angst und Schrecken ein. Die ersten Menschen, die die Auferstehung von den Toten entdeckten, reagierten darauf zunächst mit Furcht. Ihr bisheriges Weltbild, in dem der Tod das Ende darstellte, geriet ins Wanken.
Die christliche Kirche zählt die Sonntage als Feiertage. Sie erinnern an den Tag der Auferstehung Jesu als den ersten Tag einer neuen Schöpfung. Das Ende des Alten ist zugleich der Beginn des Neuen. Auch die Römer hatten versucht, dem Ende an sich den Schrecken zu nehmen: Auf jedes Verschwinden des Mondes folgt ein neuer Mondkreislauf.
Die Bibel aber handelt weniger von Kreisläufen als vielmehr von Zeitabschnitten. Darin liegt eine Nähe zur Kultur der Maya. Sie dachten in Zeitaltern, die zielgerichtet aufeinanderfolgen. Am Ende des gegenwärtigen Zeitalters steht nicht bloß Ende, sondern auch ein Neuanfang, der eine Neuordnung des Kosmos einschließt.
Das Neue Testament seinerseits spricht von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Auch der Mond wird irgendwann nicht mehr sein: die Neumonde enden. Der christliche Sonntag ist der Tag für den Gottesdienst. Zu allen Zeiten und an allen Orten loben und danken die Getauften, dass die Fülle der Zeit gekommen ist.
Die Ewigkeit Gottes strahlt auch in unsere Gegenwart hinein: Keine Zeit ist bloße Durchgangsepoche oder belanglose Wiederholung, auch nicht Höhepunkt der Geschichte.
Vor Gott hat jede Zeit und jeder Ort dieser Welt ein eigenes Gewicht. Ob im siebten Jahrhundert auf Yucatán oder im Jahr 2012 in Minden-Lübbecke: Das Leben will zu jeder Zeit gelebt sein. Dazu ist es uns geschenkt. Es ist an uns Menschen, den Wert unserer eigenen Zeit zu erkennen und sie entsprechend zu gestalten.
Jürgen Mackenbrock ist zur Zeit Pastor in der St.-Markus-Kirchengemeinde Minden
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