Gedanken zum sonntag
Er war arrogant, unsympathisch, er vertrat unmögliche Ansichten - ich hatte mich sehr über den Redner des Abends geärgert. Auf dem Weg nach Hause schimpfte ich gründlich über ihn: "Den sollte man wirklich zum Mond schießen! Was bildet der sich eigentlich ein?"
Omi war mit mir bei dem Vortrag gewesen. Omi ist schon vor 20 Jahren gestorben, aber sie hat sich unauslöschlich eingeprägt. An dem Abend sagte sie erst mal gar nichts.
Ich schimpfte weiter, ich war vielleicht 18, 19 Jahre alt, ich wollte eine Antwort - aber Omi wurde nur noch stiller. Schließlich platzte ich: "Sag du doch auch mal was!" "Ach, Kind, weißt du, ich will mich nicht so sehr über den Menschen ärgern. Ich meine immer: Vielleicht sitze ich ja in der Ewigkeit einmal neben ihm und dann muss ich mich ja auch mit ihm vertragen."
In dem Jahr hatte ich gerade mein Theologiestudium angefangen. Aufgeblasen wie ein Ballon war ich davon überzeugt, mit meinem neuen Wissen alles aushebeln, alles erklären zu können. Aber jetzt ging dem Ballon die Luft aus, meine Gedanken sausten trudelnd durch die Gegend, ich fand keine Worte. Wie konnte Omi als erwachsener, alt gewordener Mensch nur so naiv denken? "Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt, wenn einst Himmel und Erde vergehen." So heißt es in dem Lied Nr. 153 im evangelischen Gesangbuch. Gottes ewiges Reich ist so völlig anders als das, was wir uns vorstellen. Es übertrifft alles, was Menschen denken und sagen können. Wir wissen nur: Es ist uns versprochen. Und es ist gut.
"Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein." So sagt es der Psalm dieses Sonntags.
Und das ist ein starker Trost, eine große Hoffnung für alle, die in diesen Tagen die Friedhöfe besuchen und an die Menschen denken, die ihnen in diesem Kirchenjahr gestorben sind. Ein Trost, eine Hoffnung - und noch mehr. Denn Gottes Reich hält sich ja nicht an Zeit und Raum, an Leben oder Tod. Es ist schon da, es ist "mitten unter euch", wie Christus sagt, es wirkt in unsere Gegenwart hinein.
Das ist mir selten so klar geworden wie bei dem Satz, den Omi damals sagte: Weil sie an die Ewigkeit dachte, weil sie das neue Leben genauso realistisch sah wie das jetzige, ging sie schonend mit dem Menschen um, der sie ärgerte. "Vielleicht sitze ich ja einmal neben ihm ..." "Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert." Was ein Mensch in der Ewigkeit erwartet, das wirkt sich auf sein heutiges Verhalten aus. Als Christen erwarten wir Christus, den Auferstandenen, den Liebenden.
Andrea Kretschmer ist Pfarrerin der Kirchengemeinde Heimsen
All die Menschen, die mir schon auf der Erde das leben zur Hölle machen, sind dann womöglich auch noch im Paradies anzutreffen und das auf ewig!