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11.02.2012
Nachts im Museum
Publikumsmagnet: 30. Lange Nacht der Museen in Berlin
VON MICHAEL RÖSENER

Berlin (mt). Kaum eine andere Stadt in Deutschland hat eine ähnlich vielfältige Museumslandschaft zu bieten wie Berlin. Naturwissenschaft, Technik, Geschichte, Kunst, Medizin, Wirtschaft – für jeden Bereich gibt es Museen, die mit eigenen Sammlungen Besucher locken, sich zu informieren und zu begeistern.

Das Alte Museum am Lustgarten im neuen Look. | Foto: Michael Rösener

Zweimal im Jahr schlägt der Puls der Stadt dann auch ganz im Zeichen dieser urbürgerlichen Institution und man trifft sich zur Langen Nacht der Museen.

Es ist eine Berliner Erfolgsgeschichte, die vor 15 Jahren erstmals stattfand und seitdem in mehrere deutsche Städte exportiert wurde. Ja, Berlins größtes Kapital sind seine Geschichte und seine Kultur! Und so drängten sich am letzten Samstag im Januar mehr als 30 000 Besucher bis vier Uhr nachts in die Museen der Hauptstadt.

Zentrum der Langen Nacht ist das am Potsdamer Platz gelegene Kulturforum mit seiner weltweit bekannten Gemäldegalerie. Von hier aus befahren die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe sechs Routen, an deren Strecke sich die Museen befinden. Niemand muss länger als zehn Minuten warten, um sich so von einem kulturellen Highlight zum nächsten befördern zu lassen. Trotzdem platzen viele der Fahrzeuge aus allen Nähten.

Der alte Fritz hat Konjunktur. | Foto: Michael Rösener

Ein Berliner Radiosender berichtet live von den Events, macht Interviews und informiert über die Wartezeiten vor den einzelnen Museen, bei denen man teilweise so lange in der Schlange stehen muss, als wolle man in einen der Berliner Technoclubs.

Wunderbares Gemeinschaftsgefühl

Was ist das Geheimnis des Erfolges? "Zuallererst schafft jede Museumsnacht ein wunderbares und einmaliges Gemeinschaftsgefühl", sagt Gabriele Miketta vom Organisationsteam der Langen Nacht. "Viele Menschen sind gemeinsam abends und nachts auf den Beinen und haben das gleiche Ziel, sich zu ungewöhnlicher Zeit in Museen zu tummeln. Auch die attraktiven Programme und besonderen Führungsangebote werden sehr geschätzt. Die ‚beweglichen Künste‘ Musik, Tanz, Theater und Performance dringen in die Welt der Artefakte ein und entwickeln im besten Fall eine eigene Beziehung zu den Ausstellungsobjekten."

Wer bei Museumsnacht an alt und verstaubt denkt, wird hier bitter enttäuscht. Ganz im Zeitalter der sozialen Netzwerke angekommen, können sich die Besucher bereits vor und während der Langen Nacht durch Facebook und Twitter über die Veranstaltungen austauschen, Anfragen an die Organisatoren richten oder sich selbst gebastelte Routen empfehlen.

Mit einer eigenen App für Smartphones hat man das komplette Veranstaltungsprogramm, die Shuttle-Busrouten und Suchfunktionen handlich parat. Und Übersicht ist bitter nötig, bei einem Programm, das etwa 350 Veranstaltungen in 70 teilnehmenden Museen beinhaltet. Da können sich Besucher schon mal überfordert fühlen, bei der Aufgabe, sich aus dem unerschöpflichen Angebot die richtigen Programmpunkte herauszupicken – schließlich möchte man ein angenehmes Kulturerlebnis genießen und nicht im Stress untergehen.
Jüngere deutsche Geschichte im Museum am Checkpoint Charly. | Foto: Michael Rösener

"Wir empfehlen ganz klar, sich treiben zu lassen", sagt Gabriele Miketta, "und vielleicht nur ein oder zwei interessante Angebote im Vorfeld auszuwählen, die man unbedingt ansteuern möchte. Je genauer die Planung und je enger das Zeitkorsett, desto wahrscheinlicher geht der Plan nicht auf. Im langjährigen Durchschnitt schafft ein Besucher pro Nacht fünf Museen."

In diesem Winter steht alles unter dem Zeichen des 300. Geburtstages von Friedrich dem Großen. Und so wird in der Alten Nationalgalerie der Preußenkönig als Aufklärer und Musiker unter die Lupe genommen, in der Mendelssohn-Remise wird seine Beziehung zu dem berühmten jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn thematisiert, das Anti-Kriegs-Museum gestaltet eine Sonderausstellung über Friedrich II. zwischen Krieg und Frieden und im Hanfmuseum geht es gar um des Königs Verhältnis zum Cannabis.

Norman Kirsten vom Historiale Berlin Museum beschreibt, wie Friedrich der Große das Leben in Berlin prägte: "Friedrichs Spuren sind auch heute noch deutlich im Stadtbild sichtbar: Repräsentations- und Prachtbauten, wie das Schloss Charlottenburg, die Staatsoper Unter den Linden oder die Hedwigs-Kathedrale, begeistern und beeindrucken sowohl Berliner als auch Touristen.

Ebenfalls bis zum heutigen Tag geblieben ist der Geist des Alten Fritz. Das Credo, jeder solle nach seiner Facon glücklich werden, bestimmt noch in der Gegenwart das Leben in der deutschen Hauptstadt, die Anlaufpunkt für Menschen aus aller Welt ist. Die umfangreichen Reformen des Preußenkönigs modernisierten die Stadt Berlin und den Staat Preußen nachhaltig und waren notwendige Voraussetzungen für die weitere Entwicklung der deutschen Geschichte."

Der Alte Fritz neben Donkey Kong

Im Berliner Computerspielemuseum sieht man den Alten Fritz neben Donkey Kong, Super Mario und Lara Croft. Hier wird der ehemalige König als Vorreiter für die Entwicklung der sogenannten Serious Games, also Computerspielen mit einem hohen Lernbezug, betrachtet. Der Leiter Andreas Lange erklärt: "Friedrich der Große und seine Nachfolger waren einerseits aktuellen Zeitströmungen gegenüber sehr aufgeschlossen und andererseits stets innovativ im militärischen Bereich.

So wurde in Preußen das bekannte "Taktische Kriegsspiel" von Baron von Reiswitz entwickelt und als Kriegsspielsimulator für Offiziere gebraucht. Neben einer Videodokumentation zu diesem Spiel zeigen wir den Nachbau eines unmittelbaren Vorläufers, den Johann C. L. Hellwig zu Lebzeiten von Friedrich dem Großen gebaut hat." So bleibt in dieser Nacht für den Besucher die einzige große Herausforderung, zu entscheiden, was er selber will.

Wem das angesichts des Überangebotes zu viel ist, der kann sich auch im Automobilforum Konzerte von Rock- und Popbands anhören oder sich im Kulturforum zu entspannten Loungeklängen mit einer Massage verwöhnen lassen. Die kommende Lange Nacht der Museen am 25. August 2012 steht unter dem Motto des 775. Jubiläums der Stadt Berlin und bietet auch da wieder Gelegenheit für geschichtliche Spurensuche oder entspannte Museumsbummel.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 10.02.2012 um 14:59:00 Uhr

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