Seine Krawatte in Deutschlandfarben mit der türkischen Mondsichel auf dem Rot macht ihn zu einem beliebten Fotomotiv, sein Mitteilungsbedürfnis zu einem geschätzten Interviewpartner. Imran Öztürk kann darüber nur den Kopf schütteln: "So ein Plappermaul, der muss immer reden." Imran und Nedim sind Freunde, seit sie in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Zusammen mit 33 anderen ehemaligen Gastarbeitern sind sie zum Anlass des 50. Jahrestages des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens mit dem Zug von Istanbul nach München gefahren. Die gleiche Strecke, die sie vor etwa 50 Jahren schon einmal zurückgelegt hatten: über Plovdiv, Belgrad, Zagreb und Salzburg. Neben den 35 Zeitzeugen waren deutsche und türkische Journalisten, Politiker und Künstler an Bord. Organisiert wurde die Reise von TRT, dem türkischen Staatsfernsehen.
Den Wurzeln gerecht werden
Nedim und Imran sind sehr unterschiedlich, aber vielleicht mögen sie sich deshalb so sehr. Nedim redet gerne, Imran hört lieber zu. Nedim hat in der Türkei als Koch gearbeitet, in Deutschland dann als Untertagearbeiter, als Dreher, Schleifer und Schweißer und später als reisender Händler für türkische Lebensmittel. Imran hat in Istanbul als Schneider gearbeitet, in Deutschland dann unter anderem bei Siemens und als Dolmetscher im Amtsgericht. Nedim lebt mit seiner deutschen Frau zusammen, Imran alleine. Dafür hat Imran viel Kontakt zu seinen Kindern: Astrid Sabiha und Jürgen Kemal. Die doppelten Namen waren Imran besonders wichtig, um den deutsch-türkischen Wurzeln gerecht zu werden.
In Salzburg legte die Gruppe einen Zwischenstopp ein.
Imran kam 1961 als einer von wenigen nach Deutschland. 20 DM bekam er von seinen Verwandten, die ihn eingeladen hatten. Am Bahnhof in München wurden die Gastarbeiter von einem Dolmetscher abgeholt und auf ihre Züge in die verschiedenen deutschen Städte verteilt. In Hamburg kümmerte sich der türkische Generalkonsul höchstpersönlich um die Neuankömmlinge. Nedim kam ein Jahr später, als das türkische Arbeitsamt in Zeitungsannoncen bereits verstärkt für Deutschland warb. Als Nedim nach München fuhr, musste er für seinen Sitzplatz auf der harten Holzbank kämpfen. Das türkische Arbeitsamt gab ihm fünf DM mit auf die Reise. Heute wird ihnen die Reise bezahlt und man bedankt sich bei den Pensionären dafür, dass sie so viel für Deutschland und die Türkei getan haben. Der türkische Parlamentspräsident Cemil Cicek weist darauf hin, dass niemand seine türkischen Wurzeln ablegen dürfe.
Staatsministerin Maria Böhmer, zuständig für Migration, Integration und Flüchtlinge, ist da schon etwas offener und spricht von zwei Heimaten. Den Rentnern sind die politischen Spitzfindigkeiten im Zug ziemlich egal. Sie tanzen und singen lieber und genießen die Aussicht. So entspannt waren sie vor 50 Jahren auf der Fahrt nicht. Angst hatten die jungen Männer damals aber nicht, sie sahen das unbekannte Land vielmehr als Abenteuer und Chance. Ohne Verpflichtungen in der Türkei und ohne Familienanhang konnten sie sich ganz auf den Neuanfang konzentrieren. Von der Zugfahrt selbst bekamen sie damals nicht viel mit; Hunger, Müdigkeit und Ungeduld bestimmten die drei Tage im Zug. Diesmal ist der Zug zwar genauso langsam, aber es gibt genug zu essen, bequeme Sitze und Übernachtungen in Hotels.
Weiterreise im Flugzeug
Weder Imran noch Nedim hatten geplant, in Deutschland zu bleiben. Nach zwei Jahren wollten sie zurück in die Türkei gehen. Imran wollte nur genug Geld verdienen, um sich ein Motorrad kaufen zu können. Bis heute hat er sich diesen Traum nie erfüllt. "Ich habe mir dann einen Mercedes gekauft und wollte dann nicht mehr auf ein Motorrad umsteigen." Letztes Jahr hat er freiwillig seinen Führerschein abgegeben.
Nedim hat viele Fotos von früher dabei: "Alle sagen, sie hätten noch nie einen hübscheren Mann gesehen." Nedim hätte gerne noch mehr Frauen, "obwohl Frauen natürlich ganz schön teuer sind". Imran wirft schnell ein: "Er meint das nicht ernst! Hunde, die bellen, beißen ja bekanntlich nicht." In München angekommen ist sogar Nedim froh, dass der Medienrummel erst einmal vorbei ist. Aber wenigstens erfolgt die Weiterreise nach Hamburg dieses Mal im Flugzeug. Und auch sonst ist alles anders als damals: Es wartet jemand auf ihn und er spricht schon Deutsch - mit den unterschiedlichsten Akzenten.
da hat wohl einer gepennt!!!