Donnerstag, 24.05.2012
iPad | MT-Blogs | MTMobil | Impressum | Kontakt | Sitemap | Newsletter

19.11.2011
Mit dem Zug in die Vergangenheit
Ehemalige Gastarbeiter fahren die gleiche Strecke wie vor 50 Jahren
VON ISABELLE SCHÄFERS

"Sprechen Sie Deutsch?", fragt Nedim Sekerli mit einem starken schwäbischen Akzent und strahlt, weil alle lachen. Er könne alle Akzente der Welt nachmachen, behauptet er.

Kamen in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland: Imran Öztürk und Nedim Sekerli. | Fotos: Isabelle Schäfers

Seine Krawatte in Deutschlandfarben mit der türkischen Mondsichel auf dem Rot macht ihn zu einem beliebten Fotomotiv, sein Mitteilungsbedürfnis zu einem geschätzten Interviewpartner. Imran Öztürk kann darüber nur den Kopf schütteln: "So ein Plappermaul, der muss immer reden." Imran und Nedim sind Freunde, seit sie in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Zusammen mit 33 anderen ehemaligen Gastarbeitern sind sie zum Anlass des 50. Jahrestages des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens mit dem Zug von Istanbul nach München gefahren. Die gleiche Strecke, die sie vor etwa 50 Jahren schon einmal zurückgelegt hatten: über Plovdiv, Belgrad, Zagreb und Salzburg. Neben den 35 Zeitzeugen waren deutsche und türkische Journalisten, Politiker und Künstler an Bord. Organisiert wurde die Reise von TRT, dem türkischen Staatsfernsehen.

Den Wurzeln gerecht werden

Nedim und Imran sind sehr unterschiedlich, aber vielleicht mögen sie sich deshalb so sehr. Nedim redet gerne, Imran hört lieber zu. Nedim hat in der Türkei als Koch gearbeitet, in Deutschland dann als Untertagearbeiter, als Dreher, Schleifer und Schweißer und später als reisender Händler für türkische Lebensmittel. Imran hat in Istanbul als Schneider gearbeitet, in Deutschland dann unter anderem bei Siemens und als Dolmetscher im Amtsgericht. Nedim lebt mit seiner deutschen Frau zusammen, Imran alleine. Dafür hat Imran viel Kontakt zu seinen Kindern: Astrid Sabiha und Jürgen Kemal. Die doppelten Namen waren Imran besonders wichtig, um den deutsch-türkischen Wurzeln gerecht zu werden.
In Salzburg legte die Gruppe einen Zwischenstopp ein.

Imran kam 1961 als einer von wenigen nach Deutschland. 20 DM bekam er von seinen Verwandten, die ihn eingeladen hatten. Am Bahnhof in München wurden die Gastarbeiter von einem Dolmetscher abgeholt und auf ihre Züge in die verschiedenen deutschen Städte verteilt. In Hamburg kümmerte sich der türkische Generalkonsul höchstpersönlich um die Neuankömmlinge. Nedim kam ein Jahr später, als das türkische Arbeitsamt in Zeitungsannoncen bereits verstärkt für Deutschland warb. Als Nedim nach München fuhr, musste er für seinen Sitzplatz auf der harten Holzbank kämpfen. Das türkische Arbeitsamt gab ihm fünf DM mit auf die Reise. Heute wird ihnen die Reise bezahlt und man bedankt sich bei den Pensionären dafür, dass sie so viel für Deutschland und die Türkei getan haben. Der türkische Parlamentspräsident Cemil Cicek weist darauf hin, dass niemand seine türkischen Wurzeln ablegen dürfe.
Staatsministerin Maria Böhmer, zuständig für Migration, Integration und Flüchtlinge, ist da schon etwas offener und spricht von zwei Heimaten. Den Rentnern sind die politischen Spitzfindigkeiten im Zug ziemlich egal. Sie tanzen und singen lieber und genießen die Aussicht. So entspannt waren sie vor 50 Jahren auf der Fahrt nicht. Angst hatten die jungen Männer damals aber nicht, sie sahen das unbekannte Land vielmehr als Abenteuer und Chance. Ohne Verpflichtungen in der Türkei und ohne Familienanhang konnten sie sich ganz auf den Neuanfang konzentrieren. Von der Zugfahrt selbst bekamen sie damals nicht viel mit; Hunger, Müdigkeit und Ungeduld bestimmten die drei Tage im Zug. Diesmal ist der Zug zwar genauso langsam, aber es gibt genug zu essen, bequeme Sitze und Übernachtungen in Hotels.

Weiterreise im Flugzeug

Weder Imran noch Nedim hatten geplant, in Deutschland zu bleiben. Nach zwei Jahren wollten sie zurück in die Türkei gehen. Imran wollte nur genug Geld verdienen, um sich ein Motorrad kaufen zu können. Bis heute hat er sich diesen Traum nie erfüllt. "Ich habe mir dann einen Mercedes gekauft und wollte dann nicht mehr auf ein Motorrad umsteigen." Letztes Jahr hat er freiwillig seinen Führerschein abgegeben.

Nedim hat viele Fotos von früher dabei: "Alle sagen, sie hätten noch nie einen hübscheren Mann gesehen." Nedim hätte gerne noch mehr Frauen, "obwohl Frauen natürlich ganz schön teuer sind". Imran wirft schnell ein: "Er meint das nicht ernst! Hunde, die bellen, beißen ja bekanntlich nicht." In München angekommen ist sogar Nedim froh, dass der Medienrummel erst einmal vorbei ist. Aber wenigstens erfolgt die Weiterreise nach Hamburg dieses Mal im Flugzeug. Und auch sonst ist alles anders als damals: Es wartet jemand auf ihn und er spricht schon Deutsch - mit den unterschiedlichsten Akzenten.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 18.11.2011 um 21:18:30 Uhr

Texte und Fotos aus MT-Online sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Diesen Artikel in Netzwerken veröffentlichen:



Kommentare
Seit wann wird denn Türkiye Türkije geschrieben?????
da hat wohl einer gepennt!!!


WAS MEINEN SIE? SCHREIBEN SIE IHRE MEINUNG



Sicherheitscode:

Bitte geben Sie oben
stehenden Code hier ein*:


*Pflichtfelder




´

Anzeige

Meistgeklickt

Bad Oeynhausen: Mann vor Werre-Park von Lastwagen überrollt
Bad Oeynhausen (PeSt/red). Auf der Bundesstraße 61 in Bad Oeynhausen ist am Mittwochnachmittag ein Fußgänger lebensgefährlich verletzt worden. Nach... mehr

Radarkontrollen der Polizei
Minden (mt). Die Polizei NRW will für mehr Sicherheit auf den Straßen sorgen, deswegen werden vorgesehene Geschwindigkeitsmessungen vorab bekannt... mehr

Tödlicher Motorradunfall
Der Mann war um 20.50 Uhr mit seiner Honda in der Gemarkung Bohnhorsterhöfen auf der Kreisstraße 21 aus Bohnhorst kommend in Richtung Hille unterwegs.... mehr

Gelbe Karte soll Gewalttäter bremsen
Dreh- und Angelpunkt der Aktion ist Paragraf 2 des Straßenverkehrsgesetzes. Es schreibt unter anderem vor... mehr

Peter Pütz schießt Dützen zum Sieg
Und der war hochverdient, wie Trainer Mathias Kummer fand: "Der einzige Kritikpunkt war, dass wir nicht höher gewonnen haben." Jetzt haben er und... mehr

Zwei Verletzte und Millionenschaden



Hubwagenfahrer Sven Schubert rettet Mann von brennendem Haus



Mehrere Rollstuhlfahrer von Feuer bedroht



Mit dem VIP-Ticket geht es ab nach Berlin



Dreimal runter, dreimal wieder hoch



Politiker verschieben Schulstandortdiskussion
mit 43 Kommentaren

Nach dem Ratsbeschluss aus dem Jahr 2010 sind für die Stadt Porta Westfalica langfristig nur noch vier Schulen vorgesehen. Weiter sieht der Beschluss... mehr

Ausweisprobleme: Ein Friseurbesuch mit ungeahnten Folgen
mit 33 Kommentaren

Tobias Kahnert nennt das "Willkür", Helmut Kruse, Leiter des Bürgerbüros verbittet sich diese Anschuldigung: "Wir müssen immer ein aktuelles Foto... mehr

Begehren zur Klinikumsbrache gescheitert
mit 24 Kommentaren

Gestern zogen im Bürgerbüro der Grünen in der Brüderstraße die Initiatoren Bilanz ihrer sechswöchigen Unterschriftensammlung. Mit ihr wollten sie... mehr

Unglaublich: Notaufnahme im Johannes-Wesling-Klinikum - ein Notfall für sich
mit 21 Kommentaren

Immer den roten Punkten auf dem Fußboden folgend, sind "das" Blutflecken? Nein, sie führen den heimischen Wanderfreund symbolträchtig in die... mehr

Minden-Lübbecke: Vatertag im Mühlenkreis verläuft überwiegend friedlich
mit 18 Kommentaren

Minden-Lübbecke (mt/cst).  Weitesgehend ruhig verlief am Donnerstag der Vatertag im Mühlenkreis. An allen Veranstaltungsorten sei es insgesamt... mehr



Bild des Tages

Bild vom 23.05.2012

22.05.2012

21.05.2012