Bernd Rathert ist seit 15 Jahren Trauerredner / "Wenn ich klingel, weiß ich nie, was mich erwartet"
Bernd Rathert ist Trauerredner. Diese Aufgabe ist ihm praktisch in den Schoß gefallen - in einer Friedhofskapelle. Ein Rassegeflügelzüchter war gestorben. Rathert, damals noch Vorsitzender der Züchter im Kreis Minden-Lübbecke, sollte die Verdienste des Mannes ums Vereinsleben in einer kurzen Ansprache würdigen. Doch der Pfarrer brach sich das Bein und kam nicht. "Da sagte der Bestatter zu mir, dann musst du halt das Ganze machen", erinnert sich der 50-Jährige.
Er habe gar nicht gewusst, wie ihm geschah und habe schnell einen Blick ins Familienstammbuch geworfen, um die Lebensdaten des Toten zu erfahren. Dann einen Blick ins Gebetbuch, wo eine Anleitung für Trauerfeiern steht. "Ich bin der Kirche eng verbunden. Ich kannte den Text bereits." Doch das kostete Zeit. "Die Trauergäste mussten lange singen. Vom Kirchenlied ,Befiehl du deine Wege wurden acht Strophen statt der üblichen drei gesungen." Rathert lacht leise in sich hinein, als er die Anekdote erzählt.
Die Würde steht an erster Stelle
Ein paar Wochen später rief der Bestatter an und fragte: "Kannst Du noch eine Beerdigung machen?" Er habe geantwortet: "Du bist wohl verrückt." Der erwiderte, es hätte das letzte Mal doch gut geklappt. "Alle waren zufrieden." Und schneller als gedacht stand Rathert wieder neben einem Sarg und wieder vor einer Trauergemeinde. Und so geht das jetzt seit 15 Jahren. Zugute kommt ihm, dass er gut frei reden kann. "Das hat mir nie etwas ausgemacht."
Als Trauerredner beerdigt Rathert vor allem Menschen, die nicht der Kirche angehört haben. Viele seien aus steuerlichen Gründen ausgetreten, andere aus Verärgerung über die Kirche. Manchmal erfährt die Ehefrau erst durch den Tod ihres Mannes von dessen Kirchenaustritt. "Habe ich alles schon gehabt", weiß der Spezialist für Tod und Trauer. Aber es komme auch oft vor, dass die Verstorbenen früher in der ehemaligen DDR gelebt hätten, wo es normal war, konfessionslos zu sein.
Für strenge Atheisten ist Rathert nicht zuständig. "Dafür bin ich nicht der Richtige." Mindestens ein Vaterunser gehöre zu einer Beerdigung, findet er. Das wüssten die Bestatter inzwischen und würden ihn in solchen Fällen nicht mehr anrufen. Er, der evangelisch ist, sorgt für einen christlichen Rahmen. Der Mindener trägt ein kleines Kreuz am Revers. "Damit zeige ich, wo ich stehe." Auch wenn jemand nicht in der Kirche war, habe er festgestellt: "Da ist immer etwas." Die meisten Menschen hätten irgendeinen Bezug zu christlichen Werten. Und wenn sie nur für soziale Zwecke gespendet hätten.Aber Rathert wird auch beauftragt, wenn die Toten gläubige Christen waren. "Die Angehörigen waren dann schon mal auf einer meiner Trauerfeiern und die hat ihnen gefallen." Oder der Pfarrer hat zum gewünschten Zeitpunkt schon eine andere Beerdigung." Zu den Pastoren habe er ein kollegiales Verhältnis. Das ist Rathert wichtig.
Wenn der bodenständig wirkende Westfale über seine Arbeit spricht, fällt immer wieder das Wort Würde. Würdevoll sei für ihn, wenn er den Verstorbenen so schildern könne, wie er war. "Das ist nicht immer einfach", hat er oft festgestellt. Er habe schon ungewöhnliche Fälle erlebt. Zum Beispiel einen verheirateten Mann, der während seiner Ehe mit mehreren Frauen Kinder hatte - um die er sich nicht gekümmert habe. "Da kann ich in der Traueransprache nicht sagen, er sei ein treusorgender Vater gewesen." Nein, das wäre gelogen. Dann sage er lieber, dieser Mann sei nicht immer den geraden Weg gegangen. "Die, die von der Sache wussten, wissen dann, was gemeint ist und für die anderen klingt es eher allgemein."
Schwierig seien die Besuche bei den Hinterbliebenen. Das brauche Einfühlungsvermögen und Zeit. "Ich weiß nie, was mich erwartet, wenn ich an der Tür klingel." Vom Bestatter erfahre er vorher die Todesumstände. "Ich muss wissen, ob jemand an Krebs gestorben oder ob er in die Weser gesprungen ist." Im familiären Rahmen hört er viel über die Verstorbenen, sehe Pokale im Wohnzimmerschrank, einen Fischteich im Garten, habe das Gespräch mit der Familie. Das alles seien Puzzleteile, um den Menschen zu beschreiben.
Einfühlsam und trotzdem professionell sein
Rathert feilt nicht zu Hause - mit Bibel und Rhetorikbüchern ausgestattet - am Computer an der Traueransprache. "Meine Reden entstehen meistens im Wohnzimmer der Verstorbenen." Er macht sich Stichworte beim Gespräch. Er denkt viel auf den Fahrten von einer Beerdigung zur anderen über die Toten nach. Aus den Gedanken wird dann eine Rede.
Sicher gehe ihm einiges nahe. Wenn junge Menschen auf tragische Weise umkämen. Wenn die Trauer besonders groß sei. Doch als Trauerredner müsse er einfühlsam und trotzdem professionell sein. "Das erwarten die Leute von mir." Rathert hat auch noch seinen Beruf als Kaufmann bei Edeka. Da geht es um nüchterne Zahlen und nicht um Gefühle. Und er hat seine 200 Hühner und Tauben. Schon als Kind hat er Rassegeflügel gezüchtet. Wenn er von den Tieren spricht, merkt man, wie wichtig dem unverheirateten Mann sein Hobby ist.
Seinen eigenen Tod sieht Rathert nüchtern. Ja, es sei möglich, dass er ein Urnenbegräbnis wolle. Klar sei auf jeden Fall, dass er in Minderheide begraben werden wolle. "Da war ich mein ganzes Leben lang, das soll auch nach meinem Tod so sein."
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