Über dem Eingang der Firma leuchtet ein Wappen in Gold. "Kaplan. Dönerproduktion" steht darauf. Ein Dreiecksgiebel erhebt sich über der Inschrift, Ornamente schließen das Logo zu den Seiten und nach unten hin ab. In der Mitte steht ein großes "K" wie "König". Dabei muss Remzi Kaplan hier im Stadtteil Wedding niemandem erzählen, wer er ist. Im Viertel nennen sie ihn einfach "Dönerkönig". Er residiert nur wenige hundert Meter von seiner Fabrik entfernt, im Soldiner Kiez, mit hohem Ausländeranteil und vielen Arbeitslosen. Kaplan gibt einigen von ihnen Arbeit. Er lässt bekannte türkische Sänger für Volksfeste einfliegen. Kaplan schüttelt Hände und klopft Schultern. Er ist ihr Vorbild. Einer, der es geschafft hat: vom Gastarbeitersohn zum Millionär.
Remzi Kaplan begrüßt seinen Besuch, bevor er selbst den Raum betritt. Im Vorzimmer seiner Fabrik, wo 38 Arbeiter Kalb- und Geflügelfleisch auf Spieße stecken, blickt er von einem Gemälde herab. Darauf lächelt er sanftmütig. Als der echte Remzi Kaplan kommt, ist sein Schnurrbart grauer, das Haar schütterer, das Gesicht runder. Und er lächelt nicht. Der Unternehmer betritt den Raum wie eine Bühne. Er führt in sein riesiges Büro direkt über der Produktionshalle. Unten riecht es nach Fleisch, Arbeiter in weißen Kitteln und mit Haarnetzen zerschneiden Rippen und walzen das Kalbfleisch mürbe. Um sie herum stehen Kisten mit Paprika, Möhrendosen und Gewürztüten für die Geflügeldöner sowie Eimer voller Semmelbrösel für das Hackfleisch. Schließlich werden die Spieße aus 40 Prozent Fleischlappen und 60 Prozent Hack aufgetürmt. Zwischen fünf und 100 Kilo wiegen sie.
Als Sechsjähriger Lose und Salatgurken verkauft
Oben sitzt Kaplan in einem Sessel in Purpurrot – der Farbe von Königen und Kardinälen. Seine Schuhe sind blank poliert, die Hose akkurat gebügelt und die Gürtelschnalle glänzt. Durch die Brusttasche seines weißen Hemdes schimmern die Visitenkarten mit dem "K" des Firmenlogos. Auf einem Bildschirm sieht er die Bilder der Überwachungskameras, mit deren Hilfe er jeden Produktionsschritt überwachen kann: die Anlieferung, den Fleischer, den Fleischwolf, den Weg zu den Kühlräumen. Sein Reich. 51 Jahre ist Kaplan alt und fast sein ganzes Leben lang hat er gearbeitet.
Schon als Sechsjähriger verkaufte er Glückslose und Salatgurken in einem Dorf in Mittel-Anatolien. Bereits seit dieser Zeit kennt ihn Mehmet Özkan, ein Mann, der wie der nette Gemüsehändler von nebenan aussieht. Heute arbeitet Özkan in Kaplans Firma. Mittlerweile nennt er sich Qualitätsmanager. Gerne erzählt Özkan von früher, als Kaplan mit elf Jahren nach Berlin kam und im Wedding seine kleinen Geschäfte tätigte. "Er war immer aktiv. Als Jugendlicher war er Marktschreier, Markthändler, er hat immer etwas mit Handel zu tun gehabt, von Anfang an."
Kaplan wanderte 1971 ein, als gerade die deutsche Version des Döner Kebap erfunden wurde: gegrilltes Fleisch mit Salat, Zwiebeln, ein paar Scheiben Tomate und Soße im Fladenbrot. Und es war der Döner, der dem Mann ohne Schulabschluss schließlich zum Durchbruch verhalf. Nach dem Mauerfall verkaufte er als erstes Döner in Ostberlin. Mittlerweile liefern seine Firmen Dönerspieße von Spanien bis Finnland aus.
"Ich hab’ alles hinter mir", sagt Kaplan mit seiner vollen Stimme, die klar und verständlich ist, doch manchmal fehlt ein Artikel oder er vertauscht Worte. "Ich bin auf meinem Teppich geblieben und bleib’ ich auf meinem Teppich. Ich bin auch vorletzte Woche gewählt worden, türkisch-deutsche Unternehmensvereinigung bin ich jetzt auch Vorsitzender. Manchmal braucht man auch mich – oder ich brauch den anderen."
Im Viertel wird er als sozialer Mensch beschrieben, der einen eigenen Kulturverein gegründet hat und viele Ehrenämter übernimmt. "Er ist beliebt und er kann mit Menschen umgehen", erklärt Özkan die Qualitäten seines Chefs. Kinder bekamen bei einer Schulaktion für eine Eins im Zeugnis einen Döner geschenkt. Und für ein Kiezfest ließ Kaplan einen 581 Kilogramm schweren Fleischberg herstellen und verteilte die Döner kostenlos. Mit der Aktion wollte er allerdings auch im "Guinness-Buch der Rekorde" landen. Kaplan sei auch jemand, der nie auf der Straße zu sehen sei, weil er den kurzen Weg zur Arbeit mit seiner schwarzen Limousine nehme, sagt eine Frau aus dem Kiez. Er sei nur auf seinen persönlichen Gewinn und sein Ansehen bedacht.
Das Konzept Ruhestand ist Kaplan fremd
Der Sohn und die beiden Töchter von Kaplan – Birol (33), Berin (32) und Belgin (27) – arbeiten in der Firma mit. Ein Familienbetrieb. Das Konzept Ruhestand ist ihm fremd. "Wenn ich nicht arbeite, dann geht’s mir schlecht." Mindestens einmal im Jahr fährt er zurück in seinen Heimatort Bahadin. "Dort kennt ihn jeder", sagt Özkan, der Qualitätsmanager. "Manche bitten ihn, ob er ihren Kindern ein Stipendium gibt. Manchmal macht er das."
Auf seinem Smartphone zeigt Kaplan die Urlaubsfotos vom Mittelmeer. Er sitzt am Strand, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, den Bauch in die Kamera gewölbt. Er ruft seine Frau herein, die gerade noch im gelben Bikini am Strand von Izmir zu sehen war. Saziye Kaplan stellt sich kurz vor, doch schon die Frage nach ihren Aufgaben im Unternehmen gibt sie an ihren Mann weiter.
"Was mache ich, Remzi?" – "Für Personal und so", sagt er. Als sie hinausgeht, fügt er hinzu: "Meine Frau nicht schön, hässlich." Ein weiterer Ruf und die "Dönerprinzessin" tritt herein. Belgin Kaplan ist die Jüngste im Clan. Schon als Sechsjährige arbeitete sie am Gemüsestand ihres Vaters. Heute leitet sie die Abteilung Marketing, Catering und Sponsoring. "Wir möchten, dass mein Vater nicht mehr so extrem viel macht wie früher", sagt die Tochter. An der Wand hängen zwei große Zeichnungen: auf der einen ist Remzi Kaplan mit seinem Vater und seinem Großvater zu sehen, auf der anderen mit seinem Sohn. Die Töchter fehlen. "Wenn sie etwas geschafft haben, dann kommen sie auch in den Fotorahmen." Zum Abschluss erzählt der Qualitätsmanager, dass eigentlich die Kinder den Betrieb leiten. Remzi Kaplan komme aber trotzdem jeden Tag hierher, um sich mit Gästen auszutauschen, zu plaudern, zu beraten – und die Kontrolle zu behalten. "Das gibt doch kein Mensch freiwillig ab", sagt Özkan.
Habe gerade die Suchfunktion benutzt, um den Artikel wiederzufinden. Ist schonmal aufgefallen, wie alt der Artikel ist???
karl schrieb am 18.01.2012 17:59 Uhr
Bei manch anderen "Blättern" wurden meine "kritischen" Beiträge einfach kommentarlos gelöscht oder erst gar nicht veröffentlicht. Das muss man MT zumindest zugute halten.
Martin schrieb am 18.01.2012 17:29 Uhr
Ich sehe irgendwie eh keinen Sinn in diesem Bericht. Ist wohl eher für den momentanen "Integrations"-Hype. Befürchte nur, dass ich diesen Quark morgen in der gedruckten Ausgabe habe. Da ist leider das Geld für das Papier zu schade, aber bevor die gedruckte MT-Version nur noch aus Anzeigen und Werbung besteht....
midesa schrieb am 18.01.2012 17:21 Uhr
Nina Könemann (MT Online) Bedauerlich das es wohl einfach ohne wenn und aber übernommen wird , man kann es sich auch einfach machen !
Nina Könemann (MT Online) schrieb am 18.01.2012 16:53 Uhr
Liebe Leser, der Bericht ist ein Beitrag der Deutschen Presse Agentur (dpa), deren Dienst wir beziehen. Bei Fragen zum Text wenden Sie sich bitte an die Redaktion der Agentur.
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