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21.08.2010
Liebe ist ein hartes Geschäft
Mutter Teresa wurde vor 100 Jahren geboren / Als Lehrerin in Kalkutta angefangen
VON CHRISTIAN FELDMANN

Frankfurt (epd). Mutter Teresa ließ nie einen Zweifel daran, dass die Liebe ein hartes Geschäft ist. "Wir müssen geben, bis es wehtut", pflegte sie zu sagen. Geschäftsleuten, die bei einem Bankett für sie gesammelt hatten, gab sie den skeptischen Rat: "Ich hoffe, Sie geben nicht nur aus dem Überfluss heraus. Sie müssen etwas geben, das Sie etwas kostet."

Vor 100 Jahren, am 26. August 1910, kam sie als Agnes Gonxha Bojaxhiu zur Welt. Bereits 2003, sechs Jahre nach ihrem Tod, wurde sie im kürzesten Verfahren der Neuzeit vom Papst selig gesprochen.

Geboren wurde Agnes in einem gutbürgerlichen Elternhaus im heute mazedonischen Skopje, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. Der Vater führte ein Architekturbüro. Agnes besuchte die Höhere Schule – damals für Mädchen ungewöhnlich – und zeigte Begabung für Musik.

Doch mit 18 Jahren entschließt sie sich zu einem Leben in der Bengalenmission. In der St. Mary’s High School im indischen Kalkutta unterrichtet Schwester Teresa, wie man sie nun nennt, jahrelang Erdkunde. Sie steigt bis zur Direktorin auf. Die 500 Schülerinnen kommen aus der schmalen bürgerlichen Oberschicht Kalkuttas. Aber gleich hinter den Mauern der High School erstreckt sich ein riesiger Slum, der Geruch des Elends dringt in den Collegebezirk.

Schwester Teresa nimmt ein paar Schülerinnen mit, packt Jod und Verbandszeug ein, durchstreift den Slum, sieht die Armut, hilft, wo sie nur kann – und hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie in ihr schönes Kloster zurückkehrt.

Betteln, um arme Familien durchbringen zu können

Mutter Teresas Erbe: Die "Missionarinnen der Nächstenliebe" arbeiten weiter. | Foto: Archiv/dpa

Mit 36 Jahren fasst sie 1946 den Entschluss, "auszusteigen", der Entscheidung für die harte Existenz im Orden eine härtere hinzuzufügen: "Ich musste das Kloster verlassen und den Armen helfen, indem ich unter ihnen lebte. Ich hörte den Ruf, alles aufzugeben und Christus in die Slums zu folgen, um ihm unter den Ärmsten der Armen zu dienen."

In Elementarkursen macht sich Teresa mit Hygiene und Krankenpflege vertraut. Dann mietet sie in Kalkutta, mitten im Elendsviertel, eine Hütte. Sie bringt Kindern das Alphabet bei, mit einem Stecken kratzt sie Buchstaben in den Boden. Sie geht betteln, um halbverhungerten Familien Essen bringen zu können. Sie pflegt Kranke, besucht Spitäler.

Vielleicht hätte Teresa trotz ihrer verbissenen Energie nicht durchgehalten – wären da nicht die jungen Mädchen gewesen, die sich ihr anschlossen und gegen die Not kämpften, die ihnen von jeder Straßenecke entgegenschrie. Die meisten waren ehemalige Schülerinnen. Sie zogen einen weißen Sari an, und 1950 wurde der neue Orden der "Missionarinnen der Nächstenliebe" gegründet. Inzwischen waren auch Europäerinnen, US-Amerikanerinnen, Afrikanerinnen dabei.

Die "Missionarinnen der Nächstenliebe" lernen einen Beruf, manche studieren Medizin oder Jura – das alles, um den Armen besser helfen zu können. Unendlich schien die Energie dieser kleinwüchsigen, hageren, immer ein wenig gebeugt gehenden Frau. Mutter Teresa sprach leise, ohne Pathos. Aber gebannte Aufmerksamkeit war ihr stets sicher, auch in Universitäten und Kongresszentren. "Love as I loved you", "Liebe, wie ich dich geliebt habe", steht unter dem Kreuz in allen ihren Obdachlosenhäusern.

"Wie Tiere gelebt, wie Menschen sterben"

Mutter Teresa 1992 bei einer Privataudienz mit Papst Johannes Paul II. Elf Jahre später, sechs nach ihrem Tod, sprach er sie in einem Eilverfahren selig. | Foto: Archiv/dpa

Schöne Predigten und ein bisschen Mildtätigkeit nützen denen wenig, die beim gesellschaftlichen Verteilungskampf um Job, Geld und Lebensraum auf der Strecke geblieben sind, das war ihre Überzeugung: "Wahre Liebe muss wehtun". In den ersten 25 Jahren holten die "Missionarinnen der Nächstenliebe" allein in Kalkutta 36 000 Menschen von der Straße in ihre Häuser. Mehr als 16 000 starben – liebevoll gepflegt und umsorgt. Ein paar Stunden oder Tage menschlicher Zuwendung, Wärme, ein Lächeln – für Mutter Teresa war das keine sinnlose Mühe: "Sie haben wie Tiere gelebt. Da sollen sie wenigstens wie Menschen sterben!"

1979 wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Doch sie geriet auch in die Kritik. Abtreibungen bezeichnete sie als Perversion. "Gebt uns die Kinder zur Adoption", bot sie an. Medien warfen ihr eine "Vorliebe für Diktatoren" vor, weil sie am Grab des albanischen Herrschers Enver Hodscha Blumen niederlegte. "Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer, in mir ist kein Gott", schrieb sie in Aufzeichnungen, deren Veröffentlichung vor wenigen Jahren treue Anhänger schockierte. Doch das Gefühl, von Gott nicht geliebt zu sein, bringe sie den Armen näher und bedeute die Teilnahme an der Passion Jesu, erklärte die Nonne. Mutter Teresa starb am 5. September 1997 im Alter von 87 Jahren in Kalkutta.

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Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 22.08.2010 um 20:40:09 Uhr

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