Kassel/Minden (mt). "Umgeben vom Moor, viel flaches Land, 200 Kilometer bis zum Wattenstrand, im Westfälischen liegen die Berge, meist große Leute, wenig Zwerge".
Mit diesem kleinen Vier-Zeiler beschreibt Tobi Meyer seine Heimat Warmsen. Meyer ist einer von 18 Teilnehmern der Sommerakademie in der Kasseler Galerie "Caricatura", die sich vor allem der Förderung des Nachwuchses der Komischen Kunst verschrieben hat. Im Verlauf einer Woche bringen ihnen die Hauptreferenten Rudi Hurzlmeier und Günter Mayer die malerische Seite des Komischen näher. Die ersten, noch recht abstrakten, Lockerungsübungen des ersten Tages liegen auf den Tischen.
Referent des zweiten Vormittags ist der in Kutenhausen aufgewachsene Kabarettist Bernd Gieseking, der viele Jahre in Kassel gelebt hat und dem Vorstand der Caricatura angehört. Er ist angetreten, mit den Teilnehmern das Verhältnis von Wort und Bild unter die Lupe zu nehmen.
Gieseking ist als Referent das, was man einen harten Hund nennt. Eine kurze Begrüßung und schon stellt er die erste Aufgabe: "Schreibt ein kleines Heimatgedicht mit Endreim. Ihr habt vier Minuten Zeit". Augenbrauen zucken erschreckt nach oben. Es folgt konzentriertes Schweigen. Die Zeit ist um, jetzt soll jeder Teilnehmer sein Gedicht vorzutragen und ein wenig über sich selber verraten. Etwa, ob er oder sie bereits Comics oder Karikaturen veröffentlicht hat und ob er von der kreativen Arbeit leben kann.
"Ihr sollt am Text schrauben"
Das allerdings können nur zwei der 18 Teilnehmer, obwohl einige bereits ein Grafik-Studium absolviert haben. Auch Meyer ist "vorbelastet". Er hat am Leo-Sympher-Kolleg eine Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten absolviert, lernte anschließend Tischler, weil es ihn in Richtung Produkt-Design trieb. Er zeichnet seit Langem, hat mit einem Drucker zusammen Postkarten herausgegeben und auch schon mal einen Cartoon in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen veröffentlicht, denn die Liebe lockt ihn regelmäßig nach Wellerode nahe Kassel.
"Meine Freundin hatte die Ausschreibung in der Zeitung gelesen. Da habe ich mich auf eines der Stipendien beworben", erzählt Meyer. Denn die Teilnahme an der Sommerakademie kostet immerhin 800 Euro, Studenten zahlen 450. Die Stipendien werden von einem Kasseler Unternehmer finanziert, dafür müssen sich die Kandidaten allerdings einer Jury stellen. Meyer wurde beim ersten Anlauf ausgewählt.
Bernd Gieseking lobt die ersten Ergebnisse. "Ich möchte erreichen, dass ihr Spaß daran findet, nicht nur an der Zeichnung, sondern auch am Text zu schrauben". Er selbst habe feststellen müssen, dass sein Talent fürs Zeichnen nicht reicht: "Darum stehe ich auf der Bühne". Aber er gönnt seinen "Schülern" nur eine kurze Verschnaufpause. Ein Gedicht über ein oder mehrere Tiere fordert er jetzt.
Der Reim geht nicht immer auf. "Eine Eintagsfliege umschwirrt die Lampe. Heute wirkt sie munter, morgen liegt sie drunter". Gieseking macht Mut: "Erst einmal alles hinschreiben. Vielleicht führen Stichworte später zu einem schlüssigen Ergebnis". Als Beispiel zeigt er die berühmte Zeichnung von Robert Gernhardt mit dem Zweizeiler "Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche". Dieser Text sei eine Gemeinschaftsarbeit der Neuen Frankfurter Schule gewesen und habe anfangs so gelautet: "Die schärfsten Kritiker der Molche waren fürher ebensolche". Es folgt eine muntere Bilder-Tour durch die Komische Kunst, in der Gieseking auf Details aufmerksam macht, vor Augen führt, dass die Kombination von Bild und Text in einigen Fällen erst den richtigen Witz ausmacht.
Ergebnisse in einer Ausstellung
"Das Seminar mit Gieseking war hervorragend", sagt Daniel Wolf, der in Bad Oeynhausen aufwuchs. Er studiert Kunstwissenschaft in Kassel. "Bisher habe ich sprachlose Cartoons gezeichnet. Gieseking hat mir ein neues Feld eröffnet." Auch die Anleitungen von Hurzlmeier und Mayer seien sehr hilfreich gewesen. "Anfangs war die Malerei frustrierend. Am Ende war ich erstaunt, was bei uns allen herausgekommen ist." Auch die übrigen Referenten, wie Dieter Schwalm (Chef des Lappan Verlages) oder Ecki Kuhn vom Postkartenvertrieb "Modern Times" seien spannend gewesen. Das Zeichnen soll für Wolf vorerst Hobby bleiben. Trotzdem will er seine Arbeiten jetzt häufiger mal bei Verlagen einreichen. "Die Woche war unglaublich anstrengend, aber auch ergiebig". Und wenn sich die nächste Sommerakademie tatsächlich mit der Verbindung von Wort und Bild beschäftige, dann will er wieder mitmachen.
Die Ergebnisse zeigt die Caricatura Kassel (Bahnhofsplatz 1) vom 21. bis zum 29. August als Ausstellung.
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