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26.10.2011
Nichts für den Schulunterricht
Gerhard Roth gibt Überblick über Grundlagen des Lehrens und Lernens
VON MICHAEL RÖSENER

Seit dem Pisa-Schock 2001 werden wenige Fragen in Deutschland so leidenschaftlich diskutiert wie die nach dem Bildungsniveau an deutschen Schulen und Bildungseinrichtungen. Als Ursache für das schwache Abschneiden der deutschen Schüler im internationalen Vergleich müssen wahlweise Computerspiele, Lehrer, Eltern oder auch mal soziale Milieus herhalten.

Mit Gerhard Roth hat sich nun einer der renommiertesten deutschen Naturwissenschaftler des Themas angenommen. In seinem neuen Buch vermittelt der Gehirnforscher einen interdisziplinären Überblick von den Grundlagen des Lernens und des Lehrens. Empirisch gesicherte Fakten sollen da weiterhelfen, wo Geistes- und Sozialwissenschaften idealistischen Wunschbildern hinterherjagen.

Dafür fasst Roth neue Erkenntnisse aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Neurobiologie, der Psychologie und der Pädagogik zusammen, und es gelingt ihm ein umfassendes Bild der komplexen Thematik entstehen zu lassen.

Er beleuchtet verschiedene Modelle der individuellen Persönlichkeitsbildung sowie die biologischen und sozialen Grundlagen von Intelligenz, Gedächtnisbildung, Motivation und Sprache. Dass der Autor gerade bei der Beschreibung neurobiologischer Voraussetzungen oft in für den Laien nicht leicht zu verstehender Fachterminologie schreibt, ist bei der Komplexität des Gegenstandes kaum vermeidbar. Mit zahlreichen Ausblicken, Rückschauen und Wiederholungen versucht er dem fachfremden Leser jedoch weitestmöglich entgegenzukommen.

Aber Roth bleibt nicht bei der Beschreibung naturwissenschaftlicher Zusammenhänge stehen, sondern mischt sich in die Debatte um ein besseres Schulsystem ein, indem er konkrete Vorschläge für die Unterrichtsgestaltung macht. So geht es um die Vor- und Nachteile bestimmter Unterrichtsformen, die zeitliche Einteilung von Unterrichtseinheiten, die Gestaltung von Klassenräumen oder die Möglichkeiten fächerübergreifenden Unterrichts.

Kritik an Lehrerausbildung

Und immer wieder trifft der Leser auf die Bedeutung der Persönlichkeit - sowohl der Schülerpersönlichkeit als auch der Persönlichkeit des Lehrenden, der es ohne die nötigen Anteile Selbstbewusstsein, Kompetenz, Empathie und Vorbildlichkeit in vielen Klassenräumen schwer hat, sein Wissen weiterzugeben.

Deutlich kritisiert Roth in diesem Zusammenhang die akademische Lehrerausbildung. Diese sei gleichweit entfernt sowohl von der konkreten Schulpraxis wie auch von den aktuellsten Ergebnissen der Lehr- und Lernforschung in Neurologie und Psychologie.

Selbst führende Pädagogen wie der Münsteraner Professor Ewald Terhart gehen davon aus, dass die pädagogische Ausbildung an den Universitäten für die spätere Praxis der Lehrenden weitgehend nutzlos sei.

Bastelarbeit für Einzelkämpfer

In der Folge, so Roths Argumentation weiter, müssten sich die angehenden Lehrer in der Art von Einzelkämpfern ihre Unterrichtskonzepte durch Ausprobieren, Überprüfen, Verändern, Neuversuchen irgendwie zurechtbasteln.

Dieser Zustand führt für Roth zu einem negativen und fachlich durch nichts abgesicherten Individualismus, wenn es um die Vorstellungen davon geht, was optimaler Unterricht sei - ein Zustand, der unhaltbar sei.

Roth glaubt nicht, dass sich die Erkenntnisse der Gehirnforschung direkt im Unterricht anwenden ließen, jedoch betont er, jenseits von aller Besserwisserei, die Notwendigkeit eines Dialoges zwischen Psycho-Neurowissenschaftlern, Pädagogen-Didaktikern und Lehrern.

Für diesen Dialog ist das Buch eine Einladung.

Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit. Wie lernen gelingt, Verlag Klett Cotta, 19.95 Euro

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 26.10.2011 um 21:25:02 Uhr

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