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31.05.2011
Krisen- und Katastrophenspezialist
Anlässlich Heinrich von Kleists Todestag präsentiert Günter Blamberger überzeugende Biografie
VON MICHAEL RÖSENER

Ein bahnbrechendes literarisches Werk, eine überwältigende Sprachgewalt, ein gehetztes von Brüchen und Niederlagen durchzogenes Leben und ein dramatisches Ende im Selbstmord: Das ist der Dichter Heinrich von Kleist.

Ein faszinierender Schriftsteller: Heinrich von Kleist führte ein Leben gegen den Strom. | Foto: Verlag

Anlässlich des sich nun jährenden Todestages erscheint von dem Germanisten und Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft Günter Blamberger eine Biografie des preußischen Dichters. Kleist führte ein Leben gegen den Strom.

Mit der Familientradition brechend, entschied er sich nach sieben Jahren beim Militär die für Adelige vorgesehene Offizierslaufbahn zu verlassen. In der Folge gleicht sein Leben dem eines Getriebenen - in der geistigen, wie auch in der realen Welt.

Rastlos bereist er Europa, entwirft Zukunftspläne und schmeißt diese wieder über den Haufen. Er strebt nach den Wissenschaften, träumt von der bürgerlichen Ehe, versucht sich als Erfinder, tritt mehrmals als Zeitungsherausgeber auf, will sich als Bauer in der Schweiz niederlassen und schließt sich der Befreiungsbewegung gegen die napoleonische Besatzung an.

Mit dem Versuch, sich einen Lebensplan zu schmieden, um dem "Spiel des Zufalls" zu entgehen, wie er meint, scheitert Kleist grandios. Ein geregeltes und vorhersehbares Leben ist ihm nicht beschieden. Stattdessen ist es bestimmt von Krisen, Risiken und Zufällen. Von der eigenen Familie mit Argwohn betrachtet und in ständiger Geldnot, war nichts Geringeres sein Ziel als Ruhm, Ehre und Erfolg.

Mit halben Sachen ließ er sich nicht abspeisen. Günter Blamberger arbeitet diesbezüglich die Bedeutung von Kleists adeliger Herkunft heraus. Sein aristokratisches Selbstverständnis trieb ihn, der Mittelmäßigkeit widerstrebend, immer wieder nach dem Unbedingten, um Ruhm für sich, seine Familie und sein Vaterland zu erwerben.

Wie sein Leben war auch sein Werk von Extremen bestimmt. Er schuf Charaktere wie die rasend liebende Amazonenkönigin Penthesilea, die mit einer Horde wilder Hunde und Elefanten über ihren Geliebten herfällt und ihn in Stücke reißt, den hasserfüllten Schlächter Herrmann in der "Herrmannschlacht" oder den rachsüchtigen Pferdehändler Michael Kohlhaas. Anders als bei seinen Zeitgenossen Goethe und Schiller, denen es auf das Ebenmaß ankam, zogen Kleist vor allem der Kontrollverlust und der Widerspruch an. Kleist entwickelte sich, selbst als melancholisch und unter Stimmungsschwankungen leidend beschrieben, zu einem genauen Beobachter menschlicher Verhaltensweisen. Auch die negativen Seiten des menschlichen Charakters fanden so Einzug in sein Werk - wenn etwa das Böse unvermittelt aus den Figuren seiner Novellen und Dramen hervorbricht, führt er dem Leser die Unberechenbarkeit der menschlichen Seele vor.

Vorreiter der Moderne

"In Kleists fiktiven Palästen lauern reale Ungeheuer": So formuliert es Blamberger in seiner Biografie. In einer von Umbrüchen und Unsicherheiten geprägten Zeit wird Kleist so zu einem Vorreiter der Moderne. Zu seiner eigenen Zeit mit wenig Anerkennung bedacht, findet sein Werk erst 100 Jahre später, in der Zeit eines Franz Kafka oder eines Gottfried Benn einen Nährboden. 250 Jahre nach seinem Tod haben wenige andere deutsche Dichter die Leser so sehr fasziniert wie Kleist.

Das Rätsel Heinrich von Kleist vor Augen, hat Günter Blamberger hier, im Versprechen, mehr Fragen als Antworten zu sammeln, die zeitgemäße Biografie eines einzigartigen Krisen- und Katastrophenspezialisten vorgelegt.

Günter Blamberger, Heinrich von Kleist, S. Fischer Verlag, 24.95 Euro

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 30.05.2011 um 21:45:41 Uhr

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