"Putz- und Flickstunde" lautet der Titel eines literarischen und autobiografischen Nachrufs auf die deutsche Wehrpflicht. Entstanden ist er aus Gesprächen der Schriftsteller Sten Nadolny (1961-63 bei der Bundeswehr) und Jens Sparschuh (1983 bei der NVA).
"Zwei kalte Krieger erinnern sich" lautet der Untertitel des Rückblicks der beiden nicht mehr ganz jungen Herren.
Der Wert des Buches liegt darin, dass hier zwei Erzähler subjektiv und persönlich Erinnerungen austauschen, die bei aller Individualität immer wieder Allgemeingültigkeit beanspruchen können: In der Bundesrepublik gilt die Wehrpflicht seit 1956, in und mit der DDR bestand sie von 1960 bis 1990. Millionen junger Männer in Ost und West kamen ihr nach - murrend, gleichmütig oder aus Überzeugung.
Damit ist sie Teil des kollektiven Gedächtnisses, auch derjenigen, die den Dienst an der Waffe verweigerten (mit höchst unterschiedlichen Konsequenzen in Ost und West) oder letztlich nicht eingezogen wurden. Dass das Ende oder die Aussetzung der Wehrpflicht nach Jahrzehnte langer Diskussion nun wirklich nur noch eine Frage der Zeit scheint, macht den Rückblick Nadolnys und Sparschuhs aktuell um so interessanter. Kalter Krieg hin, Wettrüsten her: Bestimmte Aspekte des Paralleluniversums Militär scheinen systemübergreifend zu sein.
Dabei waren die Startbedingungen der beiden Autoren durchaus unterschiedlich: hier der Abiturient Nadolny, der 1961 bei den Fernmeldern in der jungen Bundeswehr diente und die Ausbildung als Reserveoffiziersanwärter durchlief, dort der Philosoph Sparschuh, frisch promovierte ("das größte Handicap bei einer Armee"), der 1983 nach Auslandsstudium und Hochschultätigkeit einen verkürzten Reservedienst bei den Pionieren der NVA ableisten musste.
Unterhaltsam und reflektierend
Ihre persönlichen Erinnerungen sind auch für Leser spannend, die Militär und Militärischem generell skeptisch gegenüberstehen.
Ihren unterhaltsamen, humorvollen und doch reflektierten Versuch einer Bilanz ergänzen beide Autoren noch um eine literarische Fiktion zum Thema: Bei Nadolny ist es die etwas sprunghafte "Geschichte des Funkers Reuter" - namensgleich der Hauptfigur seines Romans "Netzkarte". Jens Sparschuh liefert mit "Puzzle" das so beklemmende wie komische Protokoll eines Stasi-Anwerbegesprächs.
Sten Nadolny / Jens Sparschuh, Putz- und Flickstunde. Zwei kalte Krieger erinnern sich. Piper Verlag, 16.95 Euro