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03.08.2010
Abschied von einem einsamen Kommissar
Mankell schickt Kurt Wallander nach fast zwanzig Jahren und zehn Romanen unwiderruflich in den Ruhestand
VON THOMAS TRAUE

"Der Schatten hatte sich vertieft. Und langsam sollte Kurt Wallander in einem Dunkel verschwinden, das ihn einige Jahre später in das leere Universum entließ, das Alzheimer heißt. Danach ist nichts mehr. Die Erzählung von Kurt Wallander geht unwiderruflich zu Ende. Die Jahre. die er noch zu leben hat, vielleicht zehn, vielleicht mehr, sind seine eigene Zeit ..."

Auch wer keine Krimi-Leseratte ist, kennt die Romanfigur Kurt Wallander. In der Serie spielt Krister Henriksson (r.) die Rolle des eigensinnigen Kommissars. | Fotos: Archiv/MT

Aus, Ende und vorbei: Nach zehn Bänden muss Mankells Fangemeinde Abschied nehmen von dem melancholischen, weichen, trübsinnigen Ermittler aus Ystad, der sich - ohne Zweifel - neben "Maigret" oder "Sam Spade" zu einem der erfolgreichsten Detektivgestalten der Kriminalliteratur aufgeschwungen hat.

Skandinaviens Krimi-Übervater: Hennig Mankell.

Vor knapp zwanzig Jahren, 1991 mit dem Krimi "Mörder ohne Gesicht", lieferte der Schwede und "Übervater" der skandinavischen Krimiautoren seinen ersten Wallander-Roman ab. Gemeinsam haben wir uns mit dem eigensinnigen Polizisten auf Verbrecherjagd begeben, haben Blicke in eine böse Welt und in menschliche Abgründe geworfen. Gemeinsam sind wir an Wallanders Seite mit einem alten Peugeot durch die wolkenverhangene südostschonische Landschaft gefahren, wo oft ein kalter Ostwind weht und selten die Sonne das Herz erwärmt. Gemeinsam haben wir die Fährnisse des Alltags erlebt und die blutigen Tatorte besucht. Und gemeinsam sind wir mit dem kränkelnden (Diabetes) und inzwischen an Gedächtnisschwund leidenden Ermittler älter geworden.

Wallander blickt zurück und zieht seine Bilanz

Fast scheint es so, als schließe sich nun ein Kreis, als kehre Wallander zurück in die triste, ereignislose Provinz. Von Schonen aus lenkte er immer wieder den Blick auf die großen politischen und sozialen Themen unserer rasenden Welt: Gerechtigkeit etwa oder Verschwörung. Ob Afrika, Asien oder Europa: Alles hängt irgendwie zusammen und kumuliert im sehr authentischen Ystad. Und hier kann jeder, ob Bauer, Manager oder Bildungsbürger, zu jeder Zeit zum Mittelpunkt der Geschichte werden.

Das war eine von Mankells Botschaften in seinen "Heimatromanen der globalisierten Welt", wie jüngst ein Kritiker auf der Suche nach Erklärungen für die Beliebtheit der Krimis anmerkte. Seine Analyse: Die Gründe für Wallanders gewaltigen Erfolg am europäischen Buchmarkt liegen in der Hinwendung zur Provinz, zu einer in allen Details definierten Region, die so verwandt ist mit allen anderen Regionen West- und Mitteleuropas. Heimat gibt Nähe. Je mehr die Globalisierung voranschreitet, desto heftiger wird das Verlangen nach scharf umrissenen Grenzen, nach genauer Bekanntschaft.

Jetzt also zieht Mankells Held noch einmal aus zu seinem letzten Abenteuer. Und er zieht zugleich eine Bilanz seiner Existenz, in der zwei Frauen eine wichtige Rolle spielten. Baiba, die geliebte Freundin aus dem Baltikum, besucht ihn noch einmal. Sie ist unheilbar an Krebs erkrankt und stirbt auf der Heimreise. Wallander fährt zur Beerdigung - auch das ein melancholischer Abschied. Und Mona, seine geschiedene Frau, mit der er so zerstritten ist. Auch bei dieser offenen Wunde findet Wallander einen Abschluss. Er überwindet seine Sprachlosigkeit. Gedrängt von der gemeinsamen Tochter Linda besucht er seine alkoholsüchtige Ex-Frau in einer Entzugsklinik.Wallander lässt also sein Leben noch einmal Revue passieren, erinnert an Gefahren, quält sich mit Erinnerungen an seinen Vater, bevor er sich in Löderup mit Hund Jussi auf einem alten, einsamen u-förmigen Bauernhof mit Meerblick auf den Lebensabend vorbereitet. "Hast du das Gefühl, das dein Leben aufs Ende zugeht?", wird er von Tochter Linda am Ende des Romans gefragt. Und Mankells Held antwortet müde: "Ich habe Angst vor dem Alter. Manchmal kommt es mir vor, als wäre Klagen das Einzige, was mir bleibt." Es gebe, so gesteht er, nur noch ganz wenige wichtige Entscheidungen, die vor einem liegen. "Mit sechzig hat man fast alles hinter sich, das muss man einfach akzeptieren, auch wenn es schwerfällt."

So ist es also um Mankells Protagonisten gestellt. Und deshalb müssen auch wir Leser schweren Herzens eingestehen, dass der vergessliche Kurt Wallander Adieu sagt und in seiner Wagenburg allein sein will - mit all seinen Altersängsten, aber auch mit Freude über Tochter Linda und Enkelkind Klara. Doch zuvor löst er noch einen allerletzten Fall im Alleingang und ganz privat.

Auch das spektakuläre Finale kann nicht trösten

Es geht um Landesverrat und Spionage. Die Geschichte führt zurück in die Zeit des Kalten Krieges, als das neutrale Schweden hin- und hergerissen wird zwischen politischen und militärischen Kräften, die eine stärkere Bindung an die USA einfordern. Wallander wird von Lindas künftiger Schwiegermutter Louise von Enke um Hilfe gebeten. Ihr Mann, ein pensionierter Korvettenkapitän, ist spurlos verschwunden. Einst hatte der Kapitän in den Schären sowjetische U-Boote gejagt. Wallander muss sich Puzzle für Puzzle zusammensetzen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Doch selbst das spektakuläre Finale vermag Mankell-Fans nicht wirklich über den Wallander-Abschied zu trösten.

Henning Mankell, Der Feind im Schatten, Zsolnay Verlag, 26 Euro

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 02.08.2010 um 21:15:13 Uhr

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