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30.06.2010
Leben in der unergründbaren Fremde
Herta Müllers autobiografisch gefärbte Erzählung über einen erzwungenen Neuanfang
VON MICHAEL RÖSENER

Im Jahr 2009 begründete das Nobelkomitee die Verleihung des Literaturnobelpreises an die Schriftstellerin Herta Müller damit, dass diese "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichne."

Was damit gemeint ist, wird in der Erzählung "Reisende auf einem Bein" anschaulich. Es ist der erste von Müller erschienene Prosatext, nachdem sie aus dem vom Diktator Ceauçescu regierten Rumänien nach Berlin übergesiedelt ist.

Der Text wurde erstmals 1989 veröffentlicht und ist gegenwärtig in einer Neuauflage im Fischer-Verlag als Taschenbuch heraus gekommen. Ähnlich den persönlichen Erlebnissen der Autorin, bildet in "Reisende auf einem Bein" die Flucht der Protagonistin Irene aus einer Diktatur den Hintergrund der Geschichte. Dabei werden die eigentlichen Ereignisse der Flucht jedoch nur im Ansatz beschrieben.

Das erste Kapitel beginnt in der nächtlichen Szenerie eines Grenzkontrollpunktes, woraufhin die folgenden von der Großstadtatmosphäre Berlins geprägt sind. Im letzten Kapitel erhält die Protagonistin ihre deutsche Staatsbürgerschaft.

Eindeutige Handlung nur in Ansätzen

Der Leser kann Irene bei den Stationen ihrer Ankunft in der neuen Heimat und in ihrem Alltag begleiten, dem Bezug ihrer Wohnung, den Terminen auf der Einwanderungsbehörde und ihren Männerbekanntschaften.

Eine eindeutige Handlung liefert die Geschichte nur in Ansätzen. Die einzelnen Teile der Erzählung bilden eher ein schlaglichtartiges Aufzeigen verschiedener Situationen, die zusammengenommen Irenes Leben in einer ihr fremden Umgebung beschreiben.

Einfacher, knapper Sprachstil

Der Verlust der Heimat und die Ankunft in einer unergründbaren Fremde prägen Irenes Gefühlsrealität, wenn sie scheinbar ziel- und orientierungslos durch Berlin irrt. Weder zu der Stadt, noch zu deren Bewohnern kann sie engere Beziehungen aufbauen. Immer bleibt sie in ihrer Ratlosigkeit, ihren oberflächlichen Beobachtungen und dem fast verzweifelten Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe allein.

Der schwierige Versuch, das Neue zu begreifen, spiegelt sich auch in der Sprache des Textes wieder. Herta Müller benutzt knappe und einfach gehaltene Hauptsätze sowie Ellipsen, um die Perspektive ihrer Protagonistin zu beschreiben. Trotzdem ist die Lektüre für den Leser durchaus eine Herausforderung, da die Einfachheit der Sprache nicht zur Komplexität der Dinge passt und man so beim Lesen der Wahrnehmung Irenes nicht immer auf Anhieb folgen kann, was aber durchaus zur Thematik der Erzählung passt, da der Leser sich auf diese Weise oft in einer ähnlichen Orientierungslosigkeit befindet wie die Hauptfigur des Buches.

Es ist eine bewegende Geschichte über Abreise und Ankunft, den Verlust von Vertrautem und der quälenden Anstrengung sich in eine erzwungene Realität einzupassen.

Herta Müller, Reisende auf einem Bein, Fischer Taschenbuch Verlag, 7.95 Euro

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 29.06.2010 um 21:15:41 Uhr

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