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05.01.2010
Emo - eine Jugendbewegung polarisiert die Gesellschaft
Befürworter und Gegner kommen zu Wort / Herausgeber üben Kritik, aber keine Häme / Blick in andere Länder
VON MICHAEL RÖSENER

Wieder so eine Jugendbewegung, von der niemand versteht, was Sie eigentlich will! Enge Jeans mit Nietengürteln, schwarz gefärbte Haare und mit Eyeliner dunkel umrandete Augen, gepaart mit einem Sammelsurium schriller, knalliger Accessoires an den Ohren, um den Hals und an der Kleidung definieren das äußere Erscheinungsbild einer der letzten Jugendbewegungen unserer Zeit: Emo.

Dunkel umrandete Augen, schrille Accessoires: Das Emo-Mädchen fällt auf. | Foto: dpa

Die Emos, die viele nur aus einigen mehr oder weniger geschmacklosen Witzen kennen, werden von Großteilen der Medien mit dem gängigen Klischee von depressiven und selbstmordgefährdeten Jugendlichen beschrieben.

Auch unter Gleichaltrigen stoßen Emos häufig auf Ablehnung, die sich unter anderem in zahlreichen Anti-Emo Foren im Internet, aber auch in körperlichen Angriffen ausdrückt.

Mit dem im Ventil Verlag erschienenen Sammelband "Emo - Portrait einer Szene" wird diesem weltweit polarisierenden Phänomen die Aufmerksamkeit geschenkt, die ihm gebührt, und das, wie die Herausgeber betonen, nicht ohne Kritik, jedoch ohne die übliche herablassende Häme. In den zweiundzwanzig Beiträgen des Bandes wird Emo von den unterschiedlichsten Seiten her untersucht.

Dabei spielen Bezüge zur Popmusik ebenso eine Rolle der modische Stil, die Aktivitäten der Emo-Gegner oder die Konflikte innerhalb der Szene selbst. Maßgeblich ist dabei die Tatsache, dass Emo eine der ersten Jugendbewegungen ist, deren Entstehen nicht mehr an einen bestimmten Ort oder eine Weltmetropole gebunden ist, sondern die das Epizentrum ihres Entstehens im interaktiven Web 2.0 besitzt.

Darüber hinaus wird Emo als die erste Jugendkultur beschrieben, die sich unter den verschärften Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus entwickelt hat. Die zur Schau gestellte Leistungsverweigerung, die einst das Merkmal auch fast aller anderen jugendlichen Subkulturen war, provoziert nicht mehr nur die Elterngeneration, sondern in zunehmendem Maße auch die eigenen Altersgenossen.

Mitherausgeber Martin Büsser beschreibt die Ursache für den Hass, der den androgyn, also mit männlichen und weiblichen Attributen, auftretenden Emos wie kaum einer anderen Jugendkultur zuvor entgegenschlägt, als zutiefst reaktionär.

Hauptmotiv sei dabei eine vermeintliche Homosexualität der Emo-Jungs, womit auch der Vorwurf der Verweichlichung und unmännlicher Gefühlsduselei einhergehe. Dass diese Vorurteile lediglich auf den Projektionen ihrer Schöpfer beruhen, zeigen diverse Interviews, in denen Emos über ihr Selbstverständnis sprechen.

Wie stark der gesellschaftliche Druck auf Emos ist, zeigt sich besonders eindringlich in Beiträgen, in denen die Szenen anderer Länder thematisiert werden, etwa wenn es um die gewaltsamen Hetzjagden auf Emos in Mexico-Stadt, den Versuch Emo durch die russische Regierung verbieten zu lassen oder um die fast im Untergrund agierende Emo-Szene in Ägypten geht.

Der Band bietet für Insider und Neugierige, Jugendliche und Erwachsene eine gute Zusammenfassung der Diskussion um eine der polarisierendsten Jugendbewegungen der Gegenwart. Obwohl ein Teil der Beiträge wirklich nur mäßig recherchiert ist, bietet der Band insgesamt eine bereichernde und erhellende Lektüre.

Martin Büsser, Jonas Engelmann, Ingo Rüdiger (Hg.), EMO - Portrait einer Szene, Ventil Verlag, 16.90 Euro

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 04.01.2010 um 21:25:07 Uhr

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