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04.01.2010
Wenn die heile Welt in Stücke zerbricht
Roman spielt in Atmosphäre des Scheins
VON MICHAEL RÖSENER

Es dürfte kaum ein Zufall sein, dass der Roman "Kürzere Tage" zu der Zeit um Halloween spielt, dem Fest der makaberen Verkleidungen und der schaurigen Masken.

Anna Katharina Hahns mit Begeisterung aufgenommenes Erstlingswerk spielt in einer Atmosphäre des Scheins, in der sich hinter gesellschaftlichen Fassaden ein harmonisches Privatleben vorspielen lässt. Doch die Fassade bröckelt. Gesellschaftliche Widersprüche, uneinhaltbare persönliche Ansprüche, geheime Wünsche, ungelöste Probleme aus der Vergangenheit und die Last der permanenten Anpassung unterwandern die vermeintlich heile Welt im Stuttgarter Lehenviertel.

Dort richten sich die Aufsteiger der jungen Mittelschicht ein, um Familien zu gründen und den nächsten Schritt auf der Karriereleiter abzuwarten.

Figuren leben aneinander vorbei

Hier leben auch die Familien von Judith, der Waldorfmutti, Leonie, der Bankkauffrau, und Luise Posselt, der Rentnerin. Etwas Abseits am Bahnhof wohnt Marco mit seiner Mutter und ihrem Schlägerfreund Achim. Die Erlebnisse dieser unterschiedlichen Charaktere lässt die Schriftstellerin in einzelnen Episoden kunstvoll ineinander laufen.

Abgegrenzt voneinander beschränken sich die Kontakte der Familien auf ein Minimum der gegenseitigen Wahrnehmung, wobei es Hahn durch geschickte Perspektivverschiebung gelingt, einzelne Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln darzustellen und so die Atmosphäre gegenseitiger Ignoranz noch stärker hervorzuheben.

Der einzige Ort, der allen Figuren gemeinsam ist, ein türkischer Gemüseladen, geht am Ende des Romans nach einem Überfall in Flammen auf.

Kluft zwischen Äußerem und Innerem

Charakteristisch für den Stil des Romans ist die Wiedergabe der Innenperspektive der Figuren in der erlebten Rede. Hier wird am stärksten deutlich, wie die äußere Realität der Protagonisten ihrem Innenleben widerspricht.

Bedroht wird dabei nicht nur der scheinbare Friede im bürgerlichen Eigenheim, sondern auch und gerade die mühsam errichtete Äußerlichkeit, unter der sich die eigenen Schwächen und Fehler verbergen lassen.

Am deutlichsten wird der ungelebte Widerspruch bei Judith, die ihren an den strengen Prinzipien des Anthroposophen Rudolf Steiners ausgerichteten Alltag nur mithilfe des Beruhigungsmittels Tavor aufrechterhalten kann.

Die permanente Angst vor dem Versagen, die sie nach Außen hin als stets Vorzeigemutter erscheinen lässt, zeigt sich in ihrer zerklüfteten Innenwelt als der Wunsch eine Mumie zu sein.

Hahn entwirft ein komplexes gesellschaftliches Panorama auf engstem Raum, das geprägt ist von Liebe zum Detail, großem sprachlichen Einfühlungsvermögen in die jeweiligen Milieus ihrer Geschichte und vor allem von der Lust am Ende mit einem Fingerschnippen alles wie ein wackliges Kartenhaus in sich zusammenstürzen zu lassen.

Anna Katharina Hahn, Kürzere Tage, Suhrkamp Verlag, 19.80 Euro

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 04.01.2010 um 01:15:27 Uhr

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