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10.12.2009
Herausragender Faktor in der Politik
Jan Pospisil setzt sich kritisch mit Entwicklungshilfe und ihren Folgen auseinander
VON MICHAEL RÖSENER

Lange galt Entwicklungshilfe als die Domäne junger, engagierter Menschen, die sich, mit gutem Willen und einer ordentlichen Portion Idealismus ausgerüstet, in Länder der so genannten Dritten Welt aufmachten, um zu helfen.

Vielen jungen Männern bot sich auf diesem Feld auch die Möglichkeit, sich dem militärischen Treiben rund um die Wehrpflicht zu entziehen, und als Zivildienstleistende im Ausland ihr soziales Engagement zu beweisen.

Doch längst ist Entwicklungspolitik zu einem herausragenden Faktor in der internationalen Politik geworden, der sich nicht nur zwischen strategischen Machtinteressen und ehrlichem Hilfsbedürfnis zahlreicher Institutionen, Organisationen und Regierungen herausbildet, sondern der sich zunehmend auch mit dem Feld der Sicherheitspolitik überschneidet.

Der Wiener Politikwissenschaftler Jan Pospisil beschreibt in einer umfangreichen Arbeit gerade diese im Anschluss an den Kalten Krieg einsetzende Vermischung der zuvor deutlicher getrennten Bereiche Entwicklungs- und Sicherheitspolitik.

Dabei steht ein Vergleich entwicklungspolitischer Programme der USA und Deutschlands im Zentrum der Arbeit. Mit der Analyse historischer Materialien und aktueller Studien verschiedener internationaler Organisationen zeigt Pospisil, dass der amerikanische Ansatz stärker auf die Festigung staatlicher Strukturen gerichtet ist, wobei man sich in der deutschen Entwicklungspolitik vermehrt auf den Ausbau zivilgesellschaftlicher Zusammenhänge konzentriert.

Tendenziell gefährliche Länder und Regionen

Sicherheitspolitische Aspekte spielen in den Debatten der vergangenen Jahre dort eine Rolle, wo es um Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder Flüchtlingsproblematik geht.

Gerade in den Konzepten der USA werden so genannte "Failed States", also Staaten, in denen die politische Ordnung nicht aufrecht erhalten werden kann, als Bedrohung verstanden, die Interventionen von außen rechtfertigen und notwendig erscheinen lassen. So entsteht ein Bild von tendenziell gefährlichen Peripherien, denen nicht mehr nur zu helfen sei, sondern vor denen man sich auch zu schützen habe. Konkret sichtbar lässt Pospisil die unterschiedlichen Ansätze am Beispiel der Interventionen während des bewaffneten Konflikts in Sri Lanka werden, wobei er herausarbeitet, dass weder der eine, noch der andere Ansatz von Erfolg gekrönt waren.

Maßnahmen verschärfen Konflikte sogar

Ganz im Gegenteil haben entwicklungspolitische Maßnahmen in Einzelfällen sogar dazu beigetragen, den Konflikt noch weiter zu verschärfen. Insgesamt nimmt Pospisil in seiner Arbeit einen explizit kritischen Standpunkt zu den Maßnahmen und den begleitenden theoretischen Debatten ein.

Als Referenz dient ihm dabei unter anderem der Politikwissenschaftler Andreas Boeckh, der bereits 1993 von einem Scheitern der Entwicklungstheorien gesprochen hat. Pospisil will seine Arbeit nicht als Handlungsanweisung verstanden wissen, nach der vergangene Fehler und strukturelle Schwächen der Ansätze verbessert werden können.

Statt um krampfhafte Praxisorientierung geht es ihm darum einen dezidiert kritisch-wissenschaftlichen Blickwinkel einzunehmen, wozu auch gehört, die Wissenschaft selbst als Widerstand und den notwendigen Begleiter von Macht herauszustellen.

Die Arbeit bietet einen detaillierten Einblick in die Geschichte der Entwicklungs- und Sicherheitspolitik, sie bezieht sich auf maßgebliche Schriften zum Thema, beleuchtet das kaum überschaubare Feld der Akteure und geht auf Kernbegriffe ein, die in der Debatte der letzten 20 Jahre wegweisend waren.

Die Komplexität des Themas findet sich auch in den Anforderungen wieder, die die Studie dem Leser abverlangt, sodass Einsteiger hier auf Schwierigkeiten stoßen dürften. Dass diese Arbeit weder über ein Personen-, noch über ein Stichwortverzeichnis verfügt, ist für die längerfristige Nutzung leider ein gewichtiger Nachteil.

J. Pospisil, Die Entwicklung von Sicherheit. Entwicklungspolitische Programme der USA und Deutschlands im Grenzbereich zur Sicherheitspolitik, Transcript Verlag, 39.80 Euro

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 10.12.2009 um 21:15:02 Uhr

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