Der Mindener Australier Robert Anderson will beim Sieg seiner "Aussies" Flagge zeigen
VON MICHAEL LORENZ
Minden (much). Er ist ein klassischer Globetrotter, der die halbe Welt schon gesehen hat. Gestrandet aber ist der Australier Robert Anderson ausgerechnet in Minden.
Wie es dazu kam schildert "Andy", wie in alle nur nennen, lachend: "Ich war 1980 in Kanada trampen. Da habe ich zwei deutsche Frauen kennengelernt, die mich in diese Gegend eingeladen haben. Naja, ich hatte gerade Zeit und bin hier hängen geblieben."
Aufgewachsen und geboren ist der 59-Jährige in Red Cliffs im Bundesstaat Victoria, einem Ort mit rund 5000 Einwohnern. Seine aktuelle Adresse in "Down Under" ist er kleine Ort Imbil in Queensland, für australische Verhältnisse unweit von Brisbane. Kein Klischee: In seinem Garten, der nicht eingezäunt ist, hüpfen tatsächlich Kängurus herum. "Aber die kleinen, die Wallabies. Die Unterschiede kenne ich aber auch nicht so genau", berichtet Andy, der etwa die Hälfte seiner Zeit in Australien, und die andere Hälfte in Minden verbringt. Die gängige Vorstellung vom entspannteren Leben ("laid back") in seiner Heimat bestätigt der Wahl-Mindener: "Das ist schon anders in Australien. Die Leute grüßen sich auf der Straße alle, auch wenn sie sich nicht kennen. Und dann kommt man nach Ostwestfalen, wo die Leute so stur sind", schmunzelt Andy.
Der frühere Soldat, der von September 1969 an für ein Jahr in Vietnam stationiert war, hat schon in vielen australischen Städten gelebt: Melbourne, Perth, Brisbane, Canberra und Darwin waren unter anderem sein Zuhause. Darwin verließ er 1974 wenige Monate bevor der Zyklon Tracy die Stadt nahezu völlig zerstörte.
Fußball ist zwar in Australien keine Randsportart, aber im Mittelpunkt des Interesses steht "Soccer" bei weitem nicht. Australian Football, auch "Aussie Rules" genannt, liegt in der Publikumsgunst neben Rugby bei den Mannschafts-Ballsportarten vorn. Robert Anderson ist Fußball-Fan. In seiner Lieblings-Kneipe "Windlicht" schaut er sich regelmäßig Champions-League-Spiele an.
Bekanntester australischer Fußballer ist der Angreifer Harry Kewell, der 2005 mit dem FC Liverpool die Champions-League gewann. Der ehemalige Stürmerstar Christian Vieri, der in Sydney aufwuchs, entschied sich übrigens für die Nationalmannschaft Italiens, während sein Bruder Massimiliano für Australien auflief.
Der Hoffenheimer Verteidiger Joe Simunic stammt gebürtig aus Australiens Metropole Canberra, spielt aber für Kroatien. Ironie des Schicksals: Bei der WM 2006 erhielt er ausgerechnet in der Partie gegen sein Geburtsland durch einen Schiedsrichter-Fehler als erster Spieler bei einer WM drei gelbe Karten in einer Partie.
Bei jener WM kamen die Australier überraschend weit: Sie scheiterten erst im Achtelfinale am späteren Weltmeister Italien durch ein Elfmetertor in der fünften Minute der Nachspielzeit. Dabei ist das vermeintliche Foul an Fabio Grosso bis heute sehr umstritten. Andy: "Das war nie ein Elfmeter. Ich hatte den Eindruck, dass der Schiedsrichter keine Lust auf eine Verlängerung hatte." Eben jener Fabio Grosso, der mit seinem Halbfinaltor das deutsche Sommermärchen jäh beendete.
In Europa und Südamerika ist es Usus, dass nach wichtigen Siegen der jeweiligen Nationalmannschaft die Fans auf den Straßen Autokorsos bilden, hupen und Fahnen schwenken. Auf dem fünften Kontinent ist dem nicht so.
"Aber wenn wir morgen gegen Deutschland gewinnen, dann fahre ich mit meiner Fahne durch Minden", freut Andy sich bereits auf die Partie. Er und seine deutsche Frau Antje Anderson (früher Kuhlmann) haben in ihrem Haus an der Königstraße eine Art WM-Studio eingerichtet, wo sie das Spiel mit etlichen Freuden ansehen werden. Wie es ausgeht? "Da muss ich für Australien tippen: 2:1." Apropos Freunde: "Ich habe in Minden viel mehr Freunde als in ganz Australien", so Andy, der gern mal eine Currywurst isst, aber es gibt eine Sache, die ihn an Deutschland maßgeblich stört. Es kommt wie aus der Pistole geschossen: "Das Wetter!"
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