Ex-Nationalspieler Frank von Behren im MT-Interview über das Abschneiden der Nationalmannschaft bei der EM
Über die Gründe des geplatzten Olympia-Traums sprach MT-Redakteur Jürgen Knicker mit dem 167-maligen Nationalspieler Frank von Behren, der das Turnier in Serbien für den Fernsehsender Eurosport beobachtete.
Herr von Behren, Sie waren 2000 und 2004 als Handballer bei den Olympischen Spielen. Was verpassen ihre Nachfolger in London?
Sie verpassen das größte Ereignis, das es für einen Sportler auf der Welt gibt. Handball ist bei diesem Event zwar eher wie eine Randsportart, aber die Begegnungen im olympischen Dorf, in der Mensa und bei den Wettkämpfen sind wirklich unvergleichlich.
Zumal dann, wenn man wie Sie dann auch noch eine Medaille gewinnt?
Die Silbermedaille von Athen 2004 mit der deutschen Nationalmannschaft war für mich der größte Erfolg in meiner Karriere. Ich wurde zum Viertelfinale nachnominiert, habe dann auch im Endspiel gegen den Goldmedaillengewinner Kroatien gestanden.
Warum hat die deutsche Mannschaft ihr Ziel bei der Europameisterschaft nicht erreicht?
Von einem Scheitern kann man meiner Meinung nach nicht sprechen. Es war nicht zu erwarten, dass Frankreich so weit hinten landet und Kroatien, Serbien und Mazedonien sowie Polen so stark aufspielen. Platz sieben spiegelt die Leistungsstärke der Deutschen zurzeit wider. Man darf die eher schwache Vorbereitung sowie den Wechsel auf dem Trainerposten von Heiner Brand zu Martin Heuberger bedenken. Das Personal war durch die Absagen von Michael Kraus, Jogi Bitter und Christian Zeitz eher geschwächt.
Der Turnierverlauf glich dann eher einer Achterbahn.
Nach dem ängstlich geführten ersten Gruppenspiel gegen Tschechien haben sie gemerkt, dass Handball-Deutschland auf sie schaut. Sie haben sich anschließend in das Turnier hineingebissen. Das dramatische Spiel gegen die starken Mazedonier mit ihren Fans im Rücken war dann ein Knackpunkt für die Deutschen. Gegen Schweden hat man dann gesehen, welches Potenzial in der Mannschaft steckt. Danach wurden sie jedoch nicht mehr unterschätzt. Beim 21:21 gegen Serbien waren dann die Leistungen der Torhüter, der Deckung und von Sören Christophersen beeindruckend.
Das waren die Höhepunkte. Doch dann folgten die beiden vergebenen Matchbälle.
Hauptrunden-Gegner Dänemark war vor dem Turnier für uns völlig außer Reichweite. Auf unserer Seite waren die Erwartungen vonseiten der Medien nun deutlich höher, was die Mannschaft unter Druck setzte. Letztlich hat sich die spielerische Klasse von Dänemark durchgesetzt. Mikkel Hansen ist sicherlich der kompletteste Spieler, den es zurzeit gibt. Gegen Polen ging es dann schon um alles. Polens Trainer Bogdan Wenta hat dabei durch die Ausschaltung von Holger Glandorf das Spiel der Deutschen zerstört. Dennoch haben wir phasenweise gegen einen Geheimtipp wie Polen um zwei Tore geführt.
Einige Stimmen behaupten, uns hätte hier der Führungsspieler gefehlt. Pascal Hens hätte es werden können, doch er kam bei dieser EM aus seinem Loch nicht heraus. Die Verwandlung vom Versager zum Helden hat leider nicht funktioniert.
Ist Martin Heuberger der richtige Trainer für dieses Team?
Meiner Meinung nach ja. Er ist nicht der Charismatiker wie Heiner Brand, sondern eher ein Teamplayer, jemand mit Handballverstand und ein akribischer Vorbereiter. Er sucht die Kommunikation mit seinen Spielern und den Vereinen. Sein Führungsstil ist ein anderer. Der Prozess seiner Arbeit muss wachsen. Die Spieler müssen begreifen, dass er keine feste erste Sieben hat. Er baut auf das komplette Team. Dazu hat er einige mutige Entscheidungen getroffen.
Was muss passieren, damit Deutschland den Anschluss an die Weltspitze wiederfindet?
Auf einigen Positionen wird es Wechsel geben müssen. Von heute auf morgen geht dies jedoch nicht, zumal wir uns gegen Bosnien erst einmal für die nächste Weltmeisterschaft qualifizieren müssen. Diese WM dürfen wir nicht einfach abschenken. Da kann man nicht einfach fünf Leute herausnehmen und dafür fünf Junioren bringen. Das langfristige Ziel muss die Olympiade 2016 sein.