Mindenerin spielt in amerikanischem Nationalteam / Einfach eine Mail geschrieben / Sechs Wochen im Trainingscamp
"Wenn sich nicht ganz viele Zufälle aneinandergereiht hätten, dann wäre die Geschichte unmöglich", erzählt Julia Sayer mit einem Grinsen. Nachdem ihr Vater, der wiederum einen englischen Vater hat, einen Arbeitsplatz als Ingenieur in Amerika angenommen hatte, wurde sie in Atlanta (USA) geboren und ist daher im Besitz der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Mit fünf Jahren kehrte Sayer mit ihrer in Minden beheimateten Familie zurück an die Weser. Anschließend war die doppelte Staatsbürgerschaft lange Zeit nicht wichtig. Erst als die Sportstudentin für ein Auslandssemester in Großbritannien angenommen wurde kam die Sache ins Rollen.
Julia Sayer spielt in der Oberliga für den TSV Hahlen.
Bekannte brachte Sayer auf entscheidende Idee
"Da habe ich mich mit einer Bekannten getroffen. Dr. Carmen Borggrefe kommt aus Minden und ist Dozentin an der Bielefelder Universität. Sie wusste von dem britischen Ursprung meines Vaters und hat mir vorgeschlagen, wenn ich in Großbritannien bin könnte ich mich beim dortigen Verband melden. Die Briten versuchen im Hinblick auf Olympia 2012 in London viele Handballer einzubürgern, um dort ein Team stellen zu können", erklärt die 23-Jährige. Als sie nach dem Gespräch aus der Tür gegangen war, sei es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen. "Ich hab doch einen amerikanischen Pass."
Erst einmal auf die Idee gebracht ging Julia Sayer ins Internet, googelte ein bisschen und fand die Seite des amerikanischen Handballverbands. Anschließend schrieb sie eine Mail und erklärte ihre Situation. Zuerst kam nur die Antwort, dass der zuständige Mitarbeiter momentan keine Zeit habe und sie sich in sechs Wochen wieder melden solle. "Also hab ich Ende August noch mal geschrieben und sie wollten mich gern sehen. Wann wusste ich da noch nicht." Im Oktober kam die Einladung zu einer Trainingswoche in Warschau (Polen).
Doch die Studentin weilte zu der Zeit in Schottland und spielte dort in einer Mannschaft, deren Prioritäten darauf lagen, sicher zu fangen und zu passen. Den Amerikanern habe sie davon natürlich nichts erzählt. Vor dem Termin in Polen flog Sayer nach Deutschland und spielte an einem Wochenende erst in der zweiten, anschließen in der ersten Mannschaft des TSV Hahlen, um wenigstens ein bisschen ernst zu nehmende Spielpraxis zu haben.
In Warschau angekommen ging es sofort zum Training. Und dort traf sie auf eine ganz junge amerikanische Mannschaft, in der die Spielerinnen zwischen 16 und 25 Jahre alt sind. "Das war ein total nettes Aufeinandertreffen, aber schon ziemlich verrückt. Wir haben dreimal zusammen trainiert und dann gegen Polen gespielt. Mit Live-Übertragung im polnischen Fernsehen", erzählte die Nationalspielerin. Für die US-Amerikerinnen gab es eine bittere 11:44-Pleite. Julia machte trotz der hohen Niederlage offensichtlich einen guten Eindruck. Im Mai wurde sie zu einem sechswöchigen Lehrgang in die USA eingeladen und machte damit bisher ihren weitesten Wurf. Über den "großen Teich" bis ins US-Team.Der Studentin stellte sich nur eine Frage. "Was soll ich mit dem Studium machen?" Schließlich war der Lehrgang mitten im Semester. Für ihre Seminare hatte sie sich bereits angemeldet und wollte auch ihre Bachelor-Arbeit schreiben. "Solch eine Chance bekommt man aber nur einmal im Leben. Da habe ich kaum überlegt, ein Urlaubssemester eingeschoben und schnell den Flug nach Colorado gebucht", sagt die Mindenerin.
In den USA erlebte sie ganz andere Bedingungen, als in der Heimat. Gewohnt haben die Spielerinnen bei ihren Trainern und trainiert wird von der US-Nationalmannschaft meist in verkürzten Hallen, die nicht die Größe eines Handballfelds besitzen. In Deutschland ist so etwas undenkbar. "Das ist schon eine Umstellung. Wir haben von mehr als 30 Handballeinheiten nur vier in einer normalen Sporthalle gemacht", berichtet Sayer. Doch neben dem Handballtraining legten die Amerikaner auch sehr viel Wert auf Athletik. "Ihre Fitnesscoaches sind unschlagbar. Die haben ganz klar ausgearbeitete Systeme und machen dich richtig fit. Auch Alkohol ist dort ganz klar verboten. Da hält sich jeder dran", erzählt Sayer und fügt an "ich bin fitter, als ich je zuvor war".
Im Trainingslager zum Kapitän gewählt
Während ihres Aufenthalts im Trainingslager wurde Sayer von ihren Mannschaftskolleginnen zum Kapitän gewählt. Eine Ernennung, die dort von großer Bedeutung ist. "Man muss nicht nur auf dem Platz präsent sein, sondern auch außerhalb das Team präsentieren", erklärt die Oberliga-Spielerin. So muss ein Kapitän auch mit Sponsoren sprechen und Geld für die vielen Reisen des US-Teams sammeln. Der nächste Flug führt das Team nach Deutschland. Bereits am 20. August werden sie ein Trainingslager hier veranstalten und dabei auch ein paar Tage in Minden einschieben.
Denn ein großes Ziel hat das US-Team. Sie wollen sich mit einem Sieg gegen Kanada für die Panamerikanischen Meisterschaften qualifizieren. "Das wäre ein absoluter Traum", grinst Julia Sayer. Das Team wurde noch nicht nominiert. Aber mit ihrer Wahl zum Kapitän hat die Julia Sayer beste Chancen und könnte dann zu ihrem nächsten großen Wurf ansetzen kann.
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