Als Vorstandschef führt er das Denkwerk Zukunft in Bonn (Stiftung kulturelle Erneuerung), und zu seinen Kernthesen gehört, dass das deutsche Renten- und Sozialversicherungssystem überholt ist.
Als Gast der IHK Bielefeld ("Treffpunkt") vertrat Miegel jetzt die Forderung nach einer kräftig verlängerten Lebensarbeitszeit: "Das Renteneintrittsalter könnte heute sachgerecht bei 69 Jahren liegen", sagte Miegel. Der langjährige Weggefährte des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf vertritt die Auffassung, dass die wachsende Lebenserwartung nicht einfach der Rentenphase zugeschlagen werden sollte: Die Leute bleiben heute länger jung, Gesundheit und Schaffenskraft bleiben erhalten. "Ältere können im Beruf in vielen Bereichen problemlos mithalten."
Keinen Zweifel hat Miegel daran, dass die Gesellschaft dies auch nutzen muss, denn durch die demographische Entwicklung werde die Arbeitslast auf immer weniger - allzu wenige - Schultern verteilt. Mit seiner zentralen Botschaft stieß Miegel in Bielefeld nur auf wenig Widerstand. Ingrid Sehrbrock (CDU), stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, äußerte allerdings Zweifel, ob jeder Dachdecker es mit 69 noch bis aufs Dach schaffe.
Rente "keine gewährte Alimentierung durch Dritte"
Auch der Unternehmer Wolf D. Meier-Scheuven (Boge) zeigte sich skeptisch, ob ein 65-Jähriger in der Industrie noch so produktiv sein könne wie ein 20-Jähriger, und er stellte die Frage nach dem Preis, der stets die Nachfrage (auch nach Arbeit) bestimme. Der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser (66) bekannte, dass er persönlich durchaus für Rente mit 69 sei. Entschieden wehrte er sich aber gegen Miegels Feststellung, dass im deutschen Rentensystem "Millionen Menschen ohne sachliche Notwendigkeit der kollektiven Fürsorge anheimgestellt" würden. Die Rente sei keine gewährte Alimentierung durch Dritte, sondern sie entspringe einem durch Beitragszahlungen erworbenen Anspruch. Grundsätzlich mahnte Abelshauser die Wirtschaft, weniger auf geringe Löhne zu setzen und mehr auf den Standortfaktor Bildung und Know-how.