Studie der Uni Bielefeld: Benachteiligung von Frauen im Berufsleben in vielen Köpfen verankert - auch weiblichen
Ein zentrales Ergebnis der Studien unter Federführung des Bielefelder Soziologen und Ungleichheitsforschers Stefan Liebig ist, "dass auch in einer gerechten Welt, wenn alle die Einkommen erhalten, die ihnen aus Sicht der Befragten gerechterweise zustehen, Männer ein höheres Einkommen beziehen würden als Frauen".
Frauen scheinen zum Teil anspruchsloser zu sein
Die Wissenschaftler sprechen vom "gender wage gap" und meinen den geschlechtsabhängigen Lohnunterschied. Frauen, so ergab die Studie, haben offenbar die gleiche Schere im Kopf wie Männer: Eine schlechtere Bezahlung von Frauen ergibt sich demnach auch bei gleicher Leistung und gleicher Qualifikation. "Dieses Ergebnis haben wir so nicht erwartet", staunt Liebig.
Was aber ist ein "gerechtes" Einkommen? Typisch: Einem männlichen Sozialarbeiter (40 Jahre alt, alleinstehend, Ausbildung abgeschlossen, Leistung durchschnittlich) billigten die Befragten ein "gerechtes" Einkommen von 3600 Euro zu - einer Sozialarbeiterin (40 Jahre alt, alleinstehend, Ausbildung abgeschlossen, Leistung durchschnittlich) hingegen nur 3400 Euro.
Für die Studie sind insgesamt rund 1600 Männer und Frauen befragt worden. Sie sollten zunächst die bestehende Ungleichheit in Deutschland generell bewerten (siehe "Fakten") und dann die Gerechtigkeit ihres eigenen Einkommens einordnen. Die Teilnehmer wurden gefragt, welche Kriterien für einen gerechten Lohn ausschlaggebend sein sollten. Zudem mussten sie eine Reihe von Beispielfällen im Hinblick auf die Gerechtigkeit eines bestimmten Einkommens bewerten. Gerade diese letzte Fragestellung hatte es in sich.
Bei der direkten Frage nach sinnvollen Kriterien für die Bezahlung ergab sich, dass vor allem die Leistung, aber auch berufliche Erfahrung und Ausbildung als entscheidend angesehen werden. Das Geschlecht wurde mit Abstand als unwichtigster Faktor bewertet. Auch die Zahl der Kinder, das Alter der Mitarbeiter und die Unternehmensgröße wurden als relativ unerheblich eingestuft.
Die indirekte Fragestellung anhand konkreter Einzelfälle ergab jedoch ein anderes Bild: Als wichtigster Einflussfaktor für die Bewertung der Einkommensgerechtigkeit erwiesen sich nun nicht die Leistung, sondern der ausgeübte Beruf und die berufliche Erfahrung. Die Bedeutung des Geschlechts gewann bei der Beurteilung der Beispielfälle deutlich an Gewicht: Männern wird demnach mehr Geld zugestanden als Frauen mit ansonsten gleichen Merkmalen. Auch die Kinderzahl wird in Fallbeispielen stärker berücksichtigt.
Aber warum wird die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts (wenn kein direkter Vergleich vorliegt) als gerecht akzeptiert? Liebig und seine Mitstreiter geben mehrere Antworten. Offenbar beeinflussen die traditionellen Rollenklischees bis heute das Empfinden von Männern und Frauen. Die Vorstellung, dass Männer mit ihrem Lohn eine ganze Familie ernähren müssen, schwingt dabei mit.
Manchen Frauen fehlen die Vergleichsmöglichkeiten, lautet eine weitere These - das dürfte vor allem für nicht berufstätige Frauen in Einverdienerhaushalten gelten. Zudem finden Vergleiche oft innerhalb der eigenen Gruppe statt, sagt Liebig. Frauen vergleichen sich also vor allem mit anderen Frauen, die womöglich ähnlich schlecht bezahlt werden. Auch die "Segregation" des Arbeitsmarktes - mit relativ mager bezahlten "Frauenberufen" - spiele hier eine Rolle. Zum Teil scheinen Frauen anspruchsloser zu sein als Männer: Vor allem in niedrigeren "Statusgruppen" entwickeln Frauen ein geringeres Ungerechtigkeitsempfinden als Männer.
Doch die weibliche Genügsamkeit sinkt mit steigendem beruflichem Status und mit steigenden Vergleichsmöglichkeiten, etwa in Zweiverdienerhaushalten mit Partnern auf beruflicher Augenhöhe. So geht in Zeiten vermehrter Berufstätigkeit von Frauen wohl auch die Zeit der Bescheidenheit ihrem Ende zu.
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