MT-Interview: Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, rechnet mit Anstieg der Arbeitslosenzahl auf fünf Millionen
MT-Redakteur Thomas Traue sprach im Vorfeld mit dem Experten. Seine aktuelle Einschätzung: Zur Schönfärberei besteht kein Anlass. Für das zweite Halbjahr 2010 erwartet Walter den höchsten Stand der Arbeitslosigkeit mit etwa fünf Millionen Arbeitslosen.
Herr Walter, am Mittwoch kommen Sie nach Minden zu einem Gastvortrag beim Arbeitgeberverband. Welche Hiobsbotschaften haben Sie im Gepäck?
Die Zeiten sind offenkundig vorbei, in denen ich die Öffentlichkeit mit meinen Aussagen überrasche. Meine Vermutungen sind bestätigt worden.
Erkennen Sie schon irgendwelche "Lichtblicke" nach dem rasanten Einbruch? Die Bundesbank hat ja jüngst erste Anzeichen für eine allmähliche Abschwächung der Talfahrt ausgemacht.
Wer die Verminderung der Talfahrt als Lichtblicke ansieht, hat derzeit gute Gründe diese auch zu konstatieren. Angesichts steigender Arbeitslosigkeit und weiter sinkender Kapazitätsauslastung kann ich mich darüber jedoch nicht freuen.
Also: Machen Sie uns ein bisschen Mut in der schweren Rezession! Wann ist die Talsohle erreicht, wann kommt der ersehnte Aufschwung?
Ich glaube fest an die Leistungsstärke und die Lernfähigkeit von Mensch und Politik - vor allem auch in Deutschland. Defätismus ist daher unangebracht. Dennoch besteht kein Anlass zu Schönfärberei: Sieht man die Talsohle dann, wenn die Kapazitätsauslastung ihr Minimum erreicht, so kann dies Ende 2009 der Fall sein. Der Arbeitsmarkt wird aber verzögert reagieren, sodass dort die Talsohle erst im Herbst 2010 erreicht werden wird. Ich vermute, dass diese letzte Perspektive die Menschen in den nächsten eineinhalb Jahren eher mehr belasten wird, als dies jetzt der Fall ist.
Im Februar prognostizierten Sie einen Einbruch des deutschen Bruttoinlandsprodukts um fünf Prozent und wurden dafür vom Finanzminister als "verantwortungsloser Schwarzseher" gescholten. Inzwischen wurden Sie mit ihrer kritischen Prognose mehr als bestätigt. Das Frühjahrsgutachten der Regierung von Ende April sieht sogar eine Sechs vor dem Komma. Halten Sie aktuell diese Schätzung denn für realistisch?
Die heutigen Einschätzungen in Berlin sind realistisch.
Bei den heimischen Industriefirmen heißt es auf die Frage nach den Aussichten für 2009 derzeit überall, wir stochern im Nebel und fahren auf Sicht. Prognosen werden mit Hinweis auf die extremen globalen Unsicherheiten vermieden. Auch einige Vertreter ihrer Zunft wie das DIW verzichten auf Voraussagen. Sie hingegen nicht. Aber ist nicht auch die Makroökonomie überfordert?Prognosen zu verbieten hieße, jemandem, der auf eine Wand zuläuft, die Augen zu verbinden. Ich halte es für besser, dass man sich dessen, was auf einen zukommen kann, bewusst ist und sich darauf einstellen kann, als von bösen Überraschungen überrumpelt zu werden. Was ist für ein Kind wohl schlimmer: Viele Geschenke zu Weihnachten versprochen zu bekommen und dann leer auszugehen oder schon vorweg darauf vorbereitet zu werden?
Was erwarten Sie im Detail für den Arbeitsmarkt?
Der Arbeitsmarkt wird in den kommenden Quartalen durch Unternehmenspleiten stark belastet werden. Wir werden einen Anstieg der Arbeitslosigkeit sehen. Im zweiten Halbjahr 2010 werden wir vermutlich den höchsten Stand der Arbeitslosigkeit mit etwa fünf Millionen Arbeitslosen haben.
Die Bundesregierung hat mehrere Konjunkturpakete geschnürt. Ist das ein richtiger und vor allem ausreichender Ansatz?
Die Konjunkturpakete waren vor allem eines: ein Sammelsurium von verschiedenen Maßnahmen. Einige davon, wie etwa die Abwrackprämie, waren schnell wirksam, andere - die Vielzahl - dagegen werden erst mit Verzögerung effektiv werden - zu spät um die Konjunktur des Jahres 2009 zu beeinflussen.
Deutschland als Exportweltmeister wird von der globalen Krise besonders heftig betroffen. Muss jetzt nicht die Binnenkonjunktur noch stärker angekurbelt werden, damit wir wieder auf einen Wachstumskurs kommen?
Einige der Maßnahmen zielen eben darauf ab. Dennoch werden wir keinen Binnenkonsum wie etwa in den USA oder England, wo zu viel auf Pump gekauft wurde, in Deutschland sehen. Wir sollten eher darauf achten, dass wir nicht durch protektionistische Maßnahmen unserem Exportgeschäft, das bald wieder anspringen wird, schaden.
Sind Steuersenkungen ein möglicher Weg, oder verbietet sich der politisch hitzig diskutierte Gedanke angesichts der dramatisch wegbrechenden Steuereinnahmen gänzlich?
Die OECD hat unlängst gezeigt: das deutsche Steuersystem trifft vor allem die Mittelschicht hart. Angesichts solcher Ergebnisse ist eine Reform dieses Systems dringend notwendig. Allerdings: Wer Entlastungen auf den Weg bringen möchte, muss dies solide finanzieren. Entweder durch die Kürzung der Ausgaben oder die Nutzung von Gebühren und Beiträgen als alternative Einnahmequelle.
Themenwechsel: In einigen Tagen ist Europawahl. Wen kümmert´s, fragten Sie kürzlich provokant in einem Beitrag mit dem Titel "Europa am Scheideweg". Was treibt
Der europäische Gedanke ist in der europäischen Bevölkerung und auch in der Politik nicht angekommen. Wie sonst ist zu erklären, dass eine so wichtige Wahl so wenig Aufmerksamkeit erhält. Hier müssen wir dringend mehr tun.
Letzte Frage: Welche Konsequenzen und Lehren müssen wir, muss Europa aus der Finanzmarktkrise ziehen - vor allem mit Blick auf die Regulierung der globalen Märkte und das Währungssystem.
Eine wichtige Lehre ist, dass Märkte nicht von alleine funktionieren - das gilt auch für den Finanzmarkt. Der Staat muss durch Regelsetzung und -überwachung die Marktfunktion gewährleisten. Bei globalen Märkten reicht eine nationale Regulierung nicht aus - hier bedarf es internationaler Koordination. Das hat die Finanzkrise erschreckend deutlich gezeigt.
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