Studie bringt hohe Quote an Gewalterfahrung ans Tageslicht / Auseinandersetzung mit Klischee
Laut der Studie sind Frauen mit Behinderung zwei- bis dreimal öfter Gewalt ausgesetzt als Frauen im Durchschnitt. "Was wir mit dieser Studie auch erreichen wollen, ist, dass Frauen mit Behinderung aus diesem Klischeebild des Opfers heraus kommen", sagt Monika Schröttle von der Uni Bielefeld, die zusammen mit Instituten aus ganz Deutschland über drei Jahre an der Studie gearbeitet hat.
"Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Gewalterfahrung und der Opferidentität, die diesen Frauen auferlegt wird", ergänzt Barbara Kavemann vom Frauen-Forschungsinstitut. Denn die Opferrolle sei ein gesellschaftliches Phänomen.
Das sieht auch Hermann Aufderheide, Vorsitzender des Deutschen Schwerhörigenverbands Ortsverein Bielefeld, so. Schwerhörige oder taubstumme Frauen sind laut Studie eine der größten Gruppen, die Gewalt erfahren haben. "Es ist schwer, von dieser Gruppe Informationen zu bekommen, denn die psychischen Barrieren sind zu hoch", sagt Aufderheide. Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung sei "tief in der Gesellschaft verwurzelt" und viel weniger ein Problem, das sich aus den Einschränkungen selbst ergebe - das ist auch ein wichtiges Ergebnis der Studie.
Ein weiteres Problem sei das mangelnde Angebot niederschwelliger Maßnahmen und Hilfestellungen, befindet die Wissenschaft. Im Netzwerkbüro Frauen und Mädchen mit Behinderung NRW in Münster hat man dazu einen ersten Schritt unternommen. Hier gibt es ein Informationsblatt in einfacher Sprache, das Frauen erklärt, wie man sich gegen häusliche Gewalt wehrt. "Wir haben hier schon viele Fälle zu hören bekommen, wo Frauen Opfer wurden", sagt eine Mitarbeiterin. Auch Brigitte Faber vom Verein Weibernetz, dem Bundesnetzwerk für Frauen mit Beeinträchtigungen, hat fast täglich mit Gewalt zu tun. "In unseren Kursen sagen erst ganz viele Teilnehmerinnen, dass sie keine Erfahrungen hätten."