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23.02.2012
120 Euro als Rote Karte für Schwarzfahrer
Verband der Verkehrsunternehmen fordert drastische Erhöhung der Bußgelder / Millionenschaden jährlich
VON SIGURD GRINGEL

Bielefeld (nw). Zwei Männer steigen an der Haltestelle Windelsbleicher Straße in die Bahn ein. Sie unterhalten sich laut - zu laut. Andere Fahrgäste hören ihr Gespräch mit. Der ältere der beiden prahlt, dass er keinen Fahrschein benötige. Das Bußgeld und die Straftat nimmt er in Kauf.

Kein Kavaliersdelikt: Wer ohne gültigen Fahrausweis fährt, begeht eine Straftat. Trotzdem nimmt die Zahl der Schwarzfahrer zu, warnt der Verkehrsverband. In der Bielefelder Stadtbahn ist eine Kontrolle schwieriger als in den Bussen. | Fotomontage: Andreas Frücht

In die Schwarzfahrerstatistiken wird es dieses Intermezzo nicht schaffen. Für die Kontrolleure bleibt der Mann ohne Fahrschein unsichtbar, weil er bereits an der nächsten Station die Linie 1 wieder verlässt. Ein klassischer Fall. Menschen, die nur eine kurze Strecke fahren wollen oder die sich kein Ticket leisten können, sind die häufigsten Schwarzfahrer.

40 Euro Bußgeld müssen geschnappte Schwarzfahrer entrichten. Das ist bundesweit als Maximalbetrag für den Nahverkehr gesetzlich geregelt. Der Verband der Verkehrsunternehmen (VDV) fordert jetzt, diesen Betrag auf 60 Euro zu erhöhen, für Wiederholungstäter sollen sogar 120 Euro fällig werden. "Es gibt eine neue Qualität des Schwarzfahrens", begründet VDV-Sprecher Lars Wagner die Forderung. Zudem sei der Anteil der Schwarzfahrer in den vergangenen fünf Jahren um mehr als ein Prozent auf durchschnittlich 3,5 Prozent gestiegen. "Den Unternehmen entstehen Schäden in Millionenhöhe", sagt Wagner. Mit der neuen Qualität meint er organisiertes Schwarzfahren und nennt ein Beispiel. Über das soziale Netzwerk Facebook warnen sich Schwarzfahrer gegenseitig vor Kontrolleuren. Die Überprüfung seiner These: 28 Facebook-Nutzern gefällt die Seite "Schwarzfahren Bielefeld", die Seite ist aber nahezu inaktiv. Der erste Eintrag stammt vom 7. August 2011, der letzte - Werbung ausgenommen - vom Folgetag. Wagner sieht dennoch vor allem in Großstädten die Tendenz, dass Schwarzfahren nicht als Straftat, sondern vermehrt als Kavaliersdelikt angesehen wird.

Der Bielefelder Verkehrsbetrieb Mobiel rechnet mit einem Schaden von jährlich einer Million Euro durch Schwarzfahrer, trotzdem sei das Unternehmen gegen ein höheres Bußgeld, teilt Sprecherin Stephanie Baseler mit. Kommt es als Kann-Bestimmung, werde sich Mobiel aber anschließen. Die Quote der - erwischten - Schwarzfahrer liegt unter dem Bundesdurchschnitt bei 2,7 Prozent, mit abnehmender Tendenz. In den Bussen sei sie durch den oft erzwungenen Einstieg vorne rückläufig; der Fahrer sichtet die Tickets gleich mit. Das größere Problem ist aber die Stadtbahn.

40 Kontrolleure sind dort in zwei Schichten unterwegs. Mehr als 50 Bahnen werden überprüft, sagt Sascha Barkowski vom Sicherheitsdienstleister Trias, der zusammen mit Mobiel-Mitarbeitern die Kontrollen vornimmt. Aus Kostengründen engagieren Verkehrsbetriebe günstige externe Sicherheitsfirmen. Die Mitarbeiter werden aber tariflich bezahlt und erhalten keine Fangprämien, geben zwei Sicherheitsdienstleister aus Bielefeld und Paderborn Auskunft. Fangprämien hält Barkowski für unseriös.

Beim zweiten Erwischen erstattet Mobiel Anzeige. Der Verkehrsbetrieb Padersprinter aus Paderborn zeigt jeden Schwarzfahrer an. Betriebsleiter Peter Bronnenberg schätzt den Schaden auf 700000 Euro pro Jahr, die Bußgelderhöhung ist für ihn daher "denkbar".

Katrin Hofmann, Sprecherin der Nordwestbahn, glaubt, dass höhere Geldstrafen nicht abschrecken. Im Raum Bielefeld werde jeder dritte Zug kontrolliert, auch dort liege die Schwarzfahrerquote bei unterdurchschnittlichen zwei bis drei Prozent. Hofmann sieht ein anderes Problem: "Die Uniformen lösen Aggressivität aus." Gebrochene Rippen und Nasenbeine der Kontrolleure seien trotz Deeskalationsschulungen der Mitarbeiter nach handfesten Streits mit den Schwarzfahrern schon vorgekommen. Anders als bei den Kollegen in der Stadt könne nicht einfach die Polizei zu Hilfe geholt werden.

Ein höheres Bußgeld könne die Aggressionen sogar anheizen. Mobiel-Sprecherin Baseler macht ebenfalls eine zunehmende Gewaltbereitschaft aus, obwohl einige Mitarbeiter in Zivil unterwegs sind. Trotzdem: Vermehrte Kontrollen hält sie für die sinnvollere Bekämpfung des Schwarzfahrens als höhere Bußgelder.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 22.02.2012 um 23:10:47 Uhr

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Kommentare
betr. Schwarzfahrerei
Da man in Deutschland ja systematisch durch Gebühren, Abgaben, Energiekosten und vielen anderen Abzockereien ausgeplündert wird, ist für viele selbst das Bahnfahren nicht mehr zu schultern. Das Auto ist bei der räuberischen Preistreiberei an den Tankstellen für viele keine Alternative mehr. Von A nach B müssen sie aber kommen. Da bleibt wahrscheinlich immer mehr Menschen nur noch das Schwarzfahren übrig !


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