Agentur vermittelt Perspektiven für den Neuanfang im Rentenalter / Platz in deutscher Familie gefunden
Maria Lechner steht mitten im Leben. 40 Jahre lang hat sie im Marketing bei Bertelsmann gearbeitet, jetzt ist sie im Ruhestand - von 100 auf 0. Aber sie will wieder gebraucht werden.
Carlos und Marco haben sich mittlerweile an Maria Lechner gewöhnt. | Foto: pr
Alle Zeichen stehen auf Neustart: Als sie im August ihre Koffer packt, weiß sie, ein Abenteuer liegt vor ihr - und das wünscht sie sich auch. Dass sie aber schon kurz nach der Ankunft einer bedrohlichen Situation ausgesetzt sein würde, daran hatte sie dabei nicht gedacht.
Aber der Reihe nach: "Meine Freunde wissen das: Ich hatte immer schon so einen Spleen", sagt "Bobby" Lechner, wenn sie gefragt wird, was sie dazu antrieb, als Au-pair ins Ausland zu gehen. Als wäre es ganz selbstverständlich, sagt sie dann, sie habe immer schon vorgehabt, im Rentenalter im Ausland zu leben, und zwar bei einer anderen Familie, in einer exotischen, fremden Welt. Denn sie hat selbst keine Kinder. Da kam ihr Michaela Hansens Idee ganz recht. Die Hamburgerin gründete 2010 die Agentur "Granny-aupair". Während andere nur junge Mädchen vermitteln, spricht sie ältere Frauen an - und hat damit Riesenerfolg.
"Eine Freundin erzählte mir von einer Zeitungsanzeige, in der ,Omas auf Zeit gesucht wurden", erinnert sich die Rentnerin mit der silbernen trendigen Kurzhaarfrisur und der Vorliebe für flippige Outfits. Sie füllte einen Fragebogen aus und fand schnell eine Familie in Thailand, die zu ihr passte.
Der Deutsche Volker Hellstern lebt schon seit 20 Jahren in Thailand, seine Frau Marivic stammt von den Philippinen. Beide suchten nach einer Au-pair mit Erfahrung und nicht nach einem jungen Mädchen, das sich womöglich allein mit den Kindern langweilt.
Dass die eigentliche Favoritin der Wunschfamilie kalte Füße bekam, passte Lechner nur zu gut. Im Juni kam der Anruf, sie sagte sofort zu. Doch nicht im feuchten Klima oder im exotischen Essen lag für die Abenteurerin die Herausforderung, sondern im Umgang mit den pubertierenden Söhnen Carlos (14) und Marco (12). Sie musste sich ihre Position in der Familie erkämpfen, wollte sich aber auch nicht zu sehr in die Erziehung einmischen.
Mutter und Vater, beide voll berufstätig für ein deutsches Unternehmen in Bangkok, sind oft geschäftlich unterwegs, die Kinder auf sich gestellt. "Sie waren es nicht gewohnt, dass jemand da war, der wissen wollte, wohin sie gehen, und der sich Sorgen macht", sagt Lechner. Sie fühlte sich abgelehnt und erwog deshalb sogar den Abbruch des Abenteuers. Vielleicht war es die große Flut, die Thailand im Oktober heimsuchte, die sie und die Kinder dann doch zusammengeschweißt hat. Das Wasser kam gefährlich nahe an das Haus der Familie heran. "Fünf Straßen weiter war alles überflutet", sagt Bobby. Familie H. war die einzige weiße Familie im Viertel, die blieb.
Inzwischen hat sie sich ihren Platz in der Familie erobert. Mit guter deutscher Hausmannskost kann sie bei den Kindern punkten. Gekocht wird gemeinsam. "Sie wünschen sich manchmal Schnitzel oder Spätzle."