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06.02.2010
"Haben Sie Mut zum Mittelmaß"
Psychologe Bernd Enke zu Depressionen

Detmold. Mit seinem Selbstmord vor fast drei Monaten löste der unter Depressionen leidende Fußball-Nationaltorwart Robert Enke (32) einen Aufschrei nach mehr Menschlichkeit aus. Doch wirklich geändert hat sich in der Gesellschaft und im deutschen Profifußball bisher nichts, wie Anke Fromme im Interview mit Bernd Enke herausfand. Der 69-Jährige ist Diplompsychologe und Psychotherapeut in Detmold. Sein Bruder Dirk ist der Vater des ehemaligen Torhüters des Fußball-Bundesligisten Hannover 96.

Onkel von Robert Enke: der Psychologe Bernd Enke.

Herr Enke, kann jeder Mensch depressiv werden?

Ja. Depressionen können zwar auch genetisch verankert sein. Aber auch die Persönlichkeit eines Menschen, geprägt durch Lebenslauf, Erziehung und Erfahrungen, spielen eine Rolle. Vor allem dann, wenn sich zum Beispiel äußere Verhältnisse zuspitzen: Probleme in der Familie oder im Beruf.

Wie geht ein "gesunder" Mensch damit um?

Wenn uns unlösbar erscheinende Probleme begegnen, versuchen wir normalerweise, gedanklich eine Lösung zu finden. Dabei sind wir auch bereit für Veränderung und können uns dadurch sozusagen selber "heilen". Ein depressiver Mensch hingegen versucht das auch - aber die Depression ist sozusagen ein fehlgeschlagener Heilungsversuch.

Ist Depression ein Gefühl großer Hoffnungslosigkeit?

Ja, das trifft es. Weil diese Menschen auch merken, dass sie nicht in der Lage sind, sich selber zu helfen, und sich dafür verurteilen. Meist steckt hinter einer Depression aber auch eine ungeheure Wut. Sie kann zum Beispiel durch das Gefühl entstehen, im Leben nicht das bekommen zu haben, was einem zusteht. Ein Gefühl von Benachteiligung. In welcher Form auch immer.

Wut? Depressive wirken doch eher zurückgezogen.

Ja, das liegt aber daran, dass die Wut in ihnen so riesig ist, dass sie damit gar nicht leben können. Die Depression legt sich wie ein bleierner Mantel um sie - und lässt sie ruhig, unlustig, gar langweilig wirken. Aber in ihnen tobt eine mörderische Wut. Sie ist so groß, dass man jemanden umbringen könnte. Und weil man sich das verbietet, richten diese Menschen diese Wut in der Depression gegen sich selbst - in manchen Fällen begehen sie Selbstmord.

Wie kann Depressiven geholfen werden?

Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft muss dafür eine Zweigleisigkeit von medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung gegeben sein.

Wie schätzen Sie beruflichen Druck ein?

Sehr groß. Weil wir heutzutage auch sehr viel zu verlieren haben. Das Haus muss abbezahlt, die Familie ernährt werden. Da kann man nicht einfach sagen: "Ich steige aus." Es gibt beruflich bedingte Umstände, die bis zu einer Erschöpfungsdepression führen können, zum "Burn-out".

Im Tor steht immer nur einer. Wo liegt hier der Druck?

Das ist ein sehr extremer Beruf. Hier gibt es nur schwarz oder weiß. Entweder der Ball ist drin oder nicht. Dann hat der Torwart versagt, oder er wird gefeiert.

Welcher Typ ist gefährdet?

Menschen, die ein hohes Pflichtbewusstsein und einen hohen Anspruch an sich selber haben. Menschen, die lässig sagen: "Och, das mache ich morgen", die werden nicht depressiv. Marilyn Monroe sagte einmal: "I do my best" (Ich gebe mein Bestes). Das ist falsch! Man darf nicht sein Bestes geben, weil man es dann los ist. Dann ist man leer. Einen Motor darf man auch nicht ständig an der Belastungsgrenze fahren. Also: Haben Sie Mut zum Mittelmaß.

Fußballer Miro Klose von Bayern München kritisierte vor kurzem, dass auch nach Robert Enkes Tod für Menschlichkeit im Fußball kein Platz sei.

Ja, das ist so. Ich wüsste auch nicht, wie sich das ändern soll. Beim Fußball geht es um viel, viel Geld. Die Menschen stehen grölend im Stadion und wollen einen regelrechten Kampf sehen. Da kann nicht einer im Tor stehen und sagen: "Mir geht es heute nicht so gut."

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 05.02.2010 um 21:15:41 Uhr

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