Geschlagen und getreten: Wie ein Siebenjähriger schon in der ersten Klasse zum Außenseiter wird
Nur: Wo ist die Grenze zwischen "normalen" Schulhofrangeleien und systematischer Schikane? Ein Fall aus Bünde zeigt, wie schwer das mitunter zu beantworten ist - und wie sehr ein betroffenes Kind darunter leidet.
Um herauszufinden, wer der Stärkste auf dem Schulhof ist, raufen sich Jungs gerne und messen ihre Kräfte. Der Schwächere steckt ein, nicht selten auch Schläge und Tritte. Dass musste Timon (Name geändert) am eigenen Leib spüren. Immer häufiger kam der Siebenjährige mit blauen Flecken und Prellungen von der Grundschule nach Hause. Seine Eltern wandten sich an den Schulleiter. Doch verändert hat das nichts.
Geschubst, gestoßen, geschlagen und getreten
Timon ist blass im Gesicht, er richtet seinen Blick nach unten und wirkt niedergeschlagen. Seit vier Wochen ist der Erstklässler krankgeschrieben - weil er Angst hat vor der Schule. Diese Angst lähmt ihn. "Er wollte nicht mehr in die Schule gehen", sagt seine Mutter, die Erzieherin ist und Timon derzeit selbst unterrichtet.
Geschubst hätten sie ihn, gestoßen, schließlich geschlagen und getreten. Häufig sei er drangsaliert worden. Timon ist im Sommer dieses Jahres eingeschult worden. Anfangs lief alles gut, erzählt seine Mutter. Ihr Sohn habe sich auf die Schule gefreut und beim Lernen Spaß gehabt. Doch dann veränderte sich seine Stimmung. Timon berichtete von Streitereien in seiner Klasse.
"Wir haben zuerst geglaubt, es seien nur die üblichen kleinen Reibereien, wie sie unter Kindern immer wieder vorkommen." Doch irgendwann sei Timon immer häufiger mit blauen Flecken und Prellungen heimgekommen. Die Eltern machten sich Sorgen: "Wir wandten uns an den Leiter der Schule, der die Vorfälle aber herunterspielte."
Danach versuchten sie, mit den Eltern der Klassenkameraden ihres Sohnes zu sprechen. Doch die hätten sich zurückgezogen. "Schulmobbing und Gewalt an Schulen sind Themen, über die kaum jemand reden will", glauben sie inzwischen. Einige hätten gemeint, dass es normal sei, wenn Jungs sich gegenseitig verprügeln. "Wir, die Timon gewaltfrei erzogen haben, sind da anderer Ansicht", sagt seine Mutter. Natürlich könne es mal vorkommen, dass Kinder sich schlagen, aber wenn das nahezu täglich geschehe und immer gegen einen Einzelnen gerichtet sei, ginge das zu weit.
Timons Schulleiter sieht die Dinge anders. "Die raufen sich, das sind Jungs", sagt er. Vor allem in der ersten Klasse müsse man am Anfang erst zusammenfinden. "Die Klassenlehrerin hat nichts beobachtet, das so grenzüberschreitend gewesen ist, wie die Mutter es darstellt." Manchmal seien solche Dinge auch eine Frage der Interpretation. Außerdem habe die Klassenlehrerin versucht, Timon zu integrieren.
"Niemand scheint unserem Sohn helfen zu wollen"
Was nicht gelang. Die Eltern wandten sich schließlich an das Schulamt des Kreises mit der Bitte, dass ihr Sohn die Schule wechseln dürfe. Schulamtsdirektorin Ursula Niemeier führte ein langes Gespräch mit Timons Mutter und verwies die Familie zunächst zum schulpsychologischen Dienst. "In solchen Fällen ist es immer wichtig, dass Außenstehende sich ein Bild machen, um eine Einschätzung abzugeben", sagt sie und betont, dass man Kinder ernst nehmen müsse. Bei einem Schulwechsel sei es grundsätzlich so, dass er nur zum Beginn eines neuen Schuljahres möglich sei. In begründeten Fällen gebe es Ausnahmen. Darüber zu entscheiden sei allerdings alleine Sache der Schulleitung.
Timons Schulleiter machte indes deutlich, dass es im Sinne des Kindeswohls sei, wenn ein Kind nicht ständig zwischen Schulen wechsele. "Auch durch ein Flüchten nimmt man seine Probleme mit", findet er. Zu Gesprächen mit der Mutter sei er aber jederzeit bereit. "Wir haben eine Verantwortung zur Zusammenarbeit, die ich auch pflege."
Niemeier sieht Alternativen zu einem Schulwechsel: Programme wie das "Buddy-Projekt" seien hilfreich, sagt sie. Es vermittle Kindern Sozialkompetenzen und Selbstvertrauen. Timons Schule nimmt an dem Projekt teil - geholfen hat es ihm offenbar bisher nicht. Die Eltern des Siebenjährigen sind inzwischen frustriert: "Niemand scheint ernsthaft unserem Sohn helfen zu wollen", sagen sie. Wie es nun weitergehen soll, sei ihnen schleierhaft.
Manfred Kapusta kennt viele solcher Fälle. Der Selbstbehauptungstrainer bietet Kurse zum Thema Mobbing an. In Kooperation mit der regionalen Schulberatung sowie dem Weißen Ring geht er direkt in betroffene Klassen. "Es ist schwierig zu beurteilen, ob im Fall Timon seitens der Schulleitung genug unternommen wurde", sagt er. Aus Erfahrung wisse er, dass Eltern schnell unangemessen reagieren können. Kapuste hält Mobbing in der ersten Klasse eher für untypisch: "Eigentlich sind Kinder in diesem Alter kognitiv noch gar nicht in der Lage, bewusst zu mobben", sagt er.
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