Studentin Annika Schmeding lebt seit November in Kabul und sammelt Erfahrungen abseits der Medienklischees
Dort arbeitet die 25-Jährige als Managerin in einer Medienorganisation, nachdem sie zuvor für das größte Entwicklungsprojekt in Afghanistan tätig war. Die gebürtige Portanerin hatte bereits vor anderthalb Jahren auf eigene Faust den Mittleren Osten bereist und dabei unter anderem den Iran und Pakistan kennengelernt. Dies sei die beste Möglichkeit, um sich abseits der Medienklischees über diese Länder zu informieren, äußerte sich die Studentin der Sozial- und Kulturanthropologie sowie der Politik- und vergleichenden Literaturwissenschaft damals in einem MT-Artikel.
Seit November ist sie in Kabul und hat sich mit dem Twittern angefreundet. "Vorher hatte ich das als eine moderne narzisstische Störung abgetan", sagt Annika. Heute möchte sie modernste Kommunikation nicht mehr missen.
Raketen fliegen über den Freund hinweg
Während der Anschläge vor anderthalb Wochen hielt sie auf diese Weise Kontakt zu ihrem Freund Adnan R. Khan, einem Journalisten. Der weilte bei einem Zirkusprojekt, für das beide in ihrer Freizeit arbeiten. "Die Raketen flogen drüber hinweg auf das Parlament. Wir haben uns gegenseitig informiert und den Stand der Lage weitergegeben." Ihrem Freund ist nichts passiert und sie selbst bekam von den Anschlägen wenig mit, weil sie sich in einem ganz anderen Stadtteil aufhielt und Diskussionen mit Frauen für eine Umfrage führte.
Ohnehin sei der Eindruck falsch, Kabul versinke nach solchen Attacken gleich im Chaos. Insbesondere westliche Medien neigten zu Übertreibungen, meint Annika Schmeding. "Auch bei sieben Angriffen gleichzeitig in einer Stadt sind es immer nur bestimmte Bereiche, in denen gekämpft wird. Andere Stadtteile sind vollkommen ruhig."
20 Stunden habe es in verschiedenen Bezirken Angriffe gegeben, jedoch keine anarchischen Straßengefechte, in denen auf Passanten geschossen worden wäre. "Es waren Angriffe auf Einrichtungen, bei denen die meisten Zivilisten oder Angestellten, die dort arbeiten, in Bunkern abwarteten, während die Sicherheitstruppen draußen kämpften." Nach einem relativ ruhigen Winter, der als "eisige Waffenruhe" zu verstehen sei, rechneten viele Menschen in Kabul nun wieder vermehrt mit Talibanangriffen.
Ähnlich wie die Einheimischen, die seit Jahrzehnten ständig mit Gewalt leben müssen, betrachtet Annika Schmeding die neuerlichen Attacken mit einer gewissen Gelassenheit. "Einerseits sind wir vorsichtiger und achten stärker darauf, wohin wir wann gehen. Andererseits kann man nicht viel mehr machen, außer sich von militärischen Einrichtungen fernhalten oder von Gebäuden, von denen man weiß, dass sie Ziele sein könnten."
Während viele Ausländer in Kabul in Gebäudekomplexen mit hohen Zäunen, Stacheldraht und Wachpersonal leben, aus denen sich viele nur in gesicherten Autos heraustrauen, bewegen sich Annika und ihr Freund Adnan relativ frei, weil sie keinen strikten Sicherheitsauflagen unterliegen.
Tee trinken und Witze erzählen
Zu den Ladenbesitzern in unmittelbarer Nähe haben sie gute Kontakte, da wird beim Einkauf oft gescherzt. Abends treffen sie sich mit einheimischen und internationalen Freunden. "Wir laden uns gegenseitig zum Essen und Teetrinken ein. Wir kickern gemeinsam, diskutieren über Politik, lachen über afghanische Witze." Ihre einheimischen Freunde beeindrucken Annika, weil sie nicht nur den Spagat zwischen ihren traditionellen Familien und weltoffenen Freunden meistern, sondern sich auch noch sozial und politisch engagieren.
Die junge Deutsche will weitere zwei bis drei Monate in Kabul bleiben und dann nach Europa zurückkehren, um ihren Masterstudiengang fortzusetzen. "Aber das, was ich hier in Afghanistan gelernt habe, steht in keinem Buch. Das kann mir keine Vorlesung beibringen."
Annika Schmeding arbeitet in einer Gruppe, die "Young women for change" (Junge Frauen für Veränderung) heißt. Die Frauen organisieren Diskussionen und Ausstellungen, betreiben das erste Frauen-Internet-Café in Afghanistan und sammeln Spenden, um Essen, Kleidung und Hygieneartikel an Slumbewohner zu verteilen. Diese Initiative beeindruckt Annika: "Das zeigt, dass es die Jugend sein wird, die Afghanistan wieder aufbauen und verändern wird. Und keine internationalen Interventionen."