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26.04.2012
"Was ich hier lerne, steht in keinem Buch"
Studentin Annika Schmeding lebt seit November in Kabul und sammelt Erfahrungen abseits der Medienklischees
VON DIRK HAUNHORST

Porta Westfalica/Kabul (mt). Annika Schmeding hat die blitzschnelle Information schätzen gelernt, seitdem sie in Kabul arbeitet. Nachrichten via Twitter können im Ernstfall Leben retten. "Weil man von Freunden erfährt, wohin man gehen kann - und wohin besser nicht", schreibt sie dem MT aus der afghanischen Hauptstadt.

Besuch beim Bäcker: Annika Schmeding wird noch bis zum Sommer in der afghanischen Hauptstadt bleiben und dann zurückkehren, um ihr Studium fortzusetzen. | Foto: Adnan R. Khan

Dort arbeitet die 25-Jährige als Managerin in einer Medienorganisation, nachdem sie zuvor für das größte Entwicklungsprojekt in Afghanistan tätig war. Die gebürtige Portanerin hatte bereits vor anderthalb Jahren auf eigene Faust den Mittleren Osten bereist und dabei unter anderem den Iran und Pakistan kennengelernt. Dies sei die beste Möglichkeit, um sich abseits der Medienklischees über diese Länder zu informieren, äußerte sich die Studentin der Sozial- und Kulturanthropologie sowie der Politik- und vergleichenden Literaturwissenschaft damals in einem MT-Artikel.

Seit November ist sie in Kabul und hat sich mit dem Twittern angefreundet. "Vorher hatte ich das als eine moderne narzisstische Störung abgetan", sagt Annika. Heute möchte sie modernste Kommunikation nicht mehr missen.

Raketen fliegen über den Freund hinweg

Während der Anschläge vor anderthalb Wochen hielt sie auf diese Weise Kontakt zu ihrem Freund Adnan R. Khan, einem Journalisten. Der weilte bei einem Zirkusprojekt, für das beide in ihrer Freizeit arbeiten. "Die Raketen flogen drüber hinweg auf das Parlament. Wir haben uns gegenseitig informiert und den Stand der Lage weitergegeben." Ihrem Freund ist nichts passiert und sie selbst bekam von den Anschlägen wenig mit, weil sie sich in einem ganz anderen Stadtteil aufhielt und Diskussionen mit Frauen für eine Umfrage führte.

Ohnehin sei der Eindruck falsch, Kabul versinke nach solchen Attacken gleich im Chaos. Insbesondere westliche Medien neigten zu Übertreibungen, meint Annika Schmeding. "Auch bei sieben Angriffen gleichzeitig in einer Stadt sind es immer nur bestimmte Bereiche, in denen gekämpft wird. Andere Stadtteile sind vollkommen ruhig."

20 Stunden habe es in verschiedenen Bezirken Angriffe gegeben, jedoch keine anarchischen Straßengefechte, in denen auf Passanten geschossen worden wäre. "Es waren Angriffe auf Einrichtungen, bei denen die meisten Zivilisten oder Angestellten, die dort arbeiten, in Bunkern abwarteten, während die Sicherheitstruppen draußen kämpften." Nach einem relativ ruhigen Winter, der als "eisige Waffenruhe" zu verstehen sei, rechneten viele Menschen in Kabul nun wieder vermehrt mit Talibanangriffen.

Ähnlich wie die Einheimischen, die seit Jahrzehnten ständig mit Gewalt leben müssen, betrachtet Annika Schmeding die neuerlichen Attacken mit einer gewissen Gelassenheit. "Einerseits sind wir vorsichtiger und achten stärker darauf, wohin wir wann gehen. Andererseits kann man nicht viel mehr machen, außer sich von militärischen Einrichtungen fernhalten oder von Gebäuden, von denen man weiß, dass sie Ziele sein könnten."

Während viele Ausländer in Kabul in Gebäudekomplexen mit hohen Zäunen, Stacheldraht und Wachpersonal leben, aus denen sich viele nur in gesicherten Autos heraustrauen, bewegen sich Annika und ihr Freund Adnan relativ frei, weil sie keinen strikten Sicherheitsauflagen unterliegen.

Tee trinken und Witze erzählen

Zu den Ladenbesitzern in unmittelbarer Nähe haben sie gute Kontakte, da wird beim Einkauf oft gescherzt. Abends treffen sie sich mit einheimischen und internationalen Freunden. "Wir laden uns gegenseitig zum Essen und Teetrinken ein. Wir kickern gemeinsam, diskutieren über Politik, lachen über afghanische Witze." Ihre einheimischen Freunde beeindrucken Annika, weil sie nicht nur den Spagat zwischen ihren traditionellen Familien und weltoffenen Freunden meistern, sondern sich auch noch sozial und politisch engagieren.

Die junge Deutsche will weitere zwei bis drei Monate in Kabul bleiben und dann nach Europa zurückkehren, um ihren Masterstudiengang fortzusetzen. "Aber das, was ich hier in Afghanistan gelernt habe, steht in keinem Buch. Das kann mir keine Vorlesung beibringen."

Annika Schmeding arbeitet in einer Gruppe, die "Young women for change" (Junge Frauen für Veränderung) heißt. Die Frauen organisieren Diskussionen und Ausstellungen, betreiben das erste Frauen-Internet-Café in Afghanistan und sammeln Spenden, um Essen, Kleidung und Hygieneartikel an Slumbewohner zu verteilen. Diese Initiative beeindruckt Annika: "Das zeigt, dass es die Jugend sein wird, die Afghanistan wieder aufbauen und verändern wird. Und keine internationalen Interventionen."

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2013
Dokument erstellt am 25.04.2012 um 23:27:04 Uhr

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Kommentare
Die internationalen Interventionen in Afghanistan wurden 2001 von den Afghanen sehr begruesst. Ihre Hoffnung, dass die Amerikaner das Land von den Taliban befreien, hat sich dann sehr schnell zerschlagen. Mein Eindruck nach insgesamt 21 Monaten arbeiten in Kabul und Kunduz war, dass jeder Afghane in erster Linie für sich selbst und seine Familie versucht zu überleben. Nach ca. 30 Jahren Krieg ist das verständlich, allerdings ist durch die Anwesenheit der internationalen Hilfsorganisationen dadurch die Korruption stark angestiegen. Ich hatte den Eindruck, dass die Bevölkerung sich ihrem Schicksal ergibt. Sie vertrauen weder der afghanischen Regierung noch den internationalen Hilfsorganisationen. Umso mehr freut mich Ihr Eindruck, dass es die afghanische Jugend sein wird, die das Land wieder aufbaut. Ich bin gern bereit weiter darüber zu diskutieren. Link unterdrückt


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