MT-Serie: Herrensitze in Porta Westfalica / Große Opfer für Sanierung von Gut Amorkamp / "Meine Kräfte schwinden"
Es ist umgeben von uralten Bäumen, einem Wassergraben und Teichen. Vom ehemaligen Gutshof sind nur Reste übrig geblieben. Dass hier dennoch etwas vom Geist des letzten adeligen Gutsherrn bewahrt wurde, ist das Verdienst des jetzigen Eigentümers.
Der letzte adelige Besitzer von Gut Amorkamp; Diomed Freiherr von Schellersheim.
Gisela Bakemeier-Spier und Edgar Spier empfangen im Wohnzimmer. Früher hätten Besucher wohl "Salon" gesagt, und es scheint tatsächlich, als feierten sie hier noch Feste wie in der guten, alten Zeit. Der kleine Saal mit seinem Wintergarten strahlt zwar keinen feudalen Glanz mehr aus, dafür aber bürgerliche Gemütlichkeit. In einer Ecke steht ein weißer, reich verzierter Rokoko-Ofen. Eine Kaminuhr tickt diskret vor sich hin. Ein Cembalo verrät den passionierten Musiker. An den Wänden hängen Gemälde und Zeichnungen. Kein Zweifel: Hier leben Kunstfreunde.
Der Hausherr ist ein ruhiger Mann, seine Brille verdeckt kluge Augen in einem freundlichen Gesicht. Er wehrt ab, die Beschreibung "Gutsherrlichkeit" treffe auf Amorkamp nicht zu. Für ihn und seine Frau bedeute das Leben hier jeden Tag harte Arbeit.
1964 erwarb der damals 30-jährige Unternehmer den heruntergekommenen Besitz von Diomed Freiherr von Schellersheim. Damit endete nach 200 Jahren die Ära einer bedeutenden Familie, die in Holzhausen 1900 Morgen Land besessen hatte und aus der hohe Würdenträger und Offiziere hervorgegangen waren. Seit 1753 hatten die Adeligen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben im Ort geprägt. Ihre Hinterlassenschaft wollte der neue Eigentümer bewahren.
Die Gläubiger standen Schlange
"Ich wohnte damals in Herford und suchte ein Grundstück in Porta Westfalica, wo meine Fabrik für chemische Farben stand. Freunde zeigten mir Amorkamp: Es war ein sehr romantischer Anblick", erinnert sich Spier. Er wollte den Landsitz auch als geeigneten Ort für seine musischen Interessen kaufen: "Ich liebe Architektur und klassische Musik. Ich spiele Cembalo und Geige. Als junger Mann wollte ich sogar Dirigent werden und habe mich eine Zeit lang dafür ausbilden lassen. Hier im Haus habe ich dann öfter kleine Konzerte gegeben."
Doch zunächst beschäftigten ihn ganz andere Dinge: Verträge und Gerichtstermine. Denn Diomed von Schellersheim wollte den Verlust seines Gutes nicht akzeptieren. Mehrmals versuchte der Baron, den Verkauf rückgängig zu machen, ließ es auf einen Prozess ankommen. Doch er hatte keine Alternative - durch seine aufwendige Lebensführung hatte er sein Vermögen verloren, die Gläubiger standen Schlange.
Wiederaufbau einer Ruine
Dieser Diomed Freiherr von Schellersheim war für alle, die ihn kannten, ein beeindruckender Mensch: Hoch gewachsen, elegant gekleidet, gut aussehend und sehr charmant. Ein echter Gentleman. "Als er verarmte, litt er sehr darunter, dass er nicht mehr seine alte gesellschaftliche Stellung einnahm", glaubt Spier.
Er selbst, der Bürgerliche, wurde deswegen im Ort gemieden: "Die Leute dachten damals, ich wollte ihrem Baron Amorkamp wegnehmen. Die Holzhauser waren sehr mit dem Gut verbunden." Es gab noch andere Vorurteile über ihn: "Sie glaubten, da kam einer und spielte den reichen Unternehmer. Dass ich oft weniger Geld in der Tasche hatte als meine Arbeiter, das wussten sie nicht. Alles ging für die Sanierung des Hauses drauf."
Als er damit anfing, war das Ausmaß der Schäden kaum abzusehen: Schnee fiel ins Haus, das Dach war kaputt, es gab keinen Strom und kein fließendes Wasser. Alles musste unter strengen Auflagen installiert werden. "Die Denkmalschützer waren mir gegenüber sehr reserviert. Denn ich hatte ja keine Erfahrung mit historischen Gebäuden. Erst als ich dem verantwortlichen Herrn erklärte, was ich plante, und als er sah, dass ich mich wirklich dafür interessierte, gab er seinen Widerstand auf."
Die alte Substanz war teilweise verrottet. Feuchtigkeit aus Wassergraben und den Teichen hatte sie angegriffen. Die Mauern mussten neu isoliert werden. Die Arbeiten zogen sich hin. Erst vor gut zehn Jahren war Spier so weit, dass er einige Wohnungen vermieten konnte. Sein Lebenswerk hatte endlich Gestalt angenommen.
Auch Eigentümer der Wittekindsburg
Der leidenschaftliche Sanierer könnte nun kürzertreten, wäre da nicht seine zweite große Immobilie: die Wittekindsburg. 1995 hatte er das historische Ausflugslokal auf dem Wiehengebirge gekauft - und es ebenso liebevoll saniert wie seinen Wohnsitz. Das ging nicht spurlos an ihm vorüber.
"Alles Geld, das ich besaß, ist in die Häuser geflossen. Ich sehe nun, dass meine Kräfte und Mittel schwinden." Deshalb sucht er einen Käufer für die Wittekindsburg, einen, der Verständnis für den Ort und seine Aura mitbringt.
Auch von Amorkamp möchte er sich trennen. Seine Tochter, das einzige Kind aus erster Ehe, interessiere sich nicht für das Haus. Er selbst sei 77 und denke jetzt öfter an den Tod. Er könne nicht mehr viel ausrichten, Pläne habe er trotzdem. Die alten Akten, die Schellersheim zurückließ, will er sichten und katalogisieren. Es sind Dokumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert, auf einigen findet sich die Unterschrift eines preußischen Königs. Die Geschichte seines Guts lässt ihn nicht los.
Ob er Amorkamp noch einmal kaufen würde, wenn er jünger wäre? Spier überlegt, seine Frau antwortet: "Du würdest es jederzeit wieder tun. Du kannst gar nicht anders: Wenn du ein Haus siehst, das verfällt, willst du es sofort kaufen und sanieren!" - "Ja, du hast recht", sagt Edgar Spier mit einem Lachen. "Es ist wohl so in meinen Genen angelegt!"
Der zweite Teil erscheint kommende Woche und handelt von Gut Wedigenstein in Barkhausen.