MT-Stadtgespräch: Kandidaten sehen in Wirtschaft die Lebensader von Porta / 120 Zuhörer erfahren auch private Dinge
Aus ihren gezeichneten Bildern lässt sich einiges herausinterpretieren. Sie wollen Porta aus der Haushaltsmisere befreien, die Stadt lebenswerter machen und ihre Einwohner zufriedenstellen. Andere Aussagen von den Bewerbern wären 13 Tage vor der Wahl wohl eine wahre Sensation. Diese bleibt zwar aus, doch an konstruktiven Ansätzen mangelt es am Montagabend in der zweistündigen Veranstaltung im Porta-Berghotel nicht. Alle drei haben Pläne, doch die klaffen inhaltlich zum Teil weit auseinander.
Amtsinhaber Stephan Böhme (SPD) will beispielsweise die Gewerbesteuer deutlich anheben. "Ich sage das wenigstens schon vor der Wahl und nicht danach", sagt der Verwaltungschef. CDU-Kandidat Kurt Baberske hält dagegen. Er fürchtet einen Einbruch der Wirtschaft sowie ein Abwandern von Firmen und Menschen. "Das schadet der Attraktivität massiv", meint er. Der parteilose Mitbewerber Krause schlägt in die gleiche Kerbe. "Steuererhöhungen sind zu diesem Zeitpunkt sicher nicht der richtige Weg", sagt der Barkhauser, der beim Stadtgespräch-Abend zugleich seinen 43. Geburtstag feiert. Seinen Worten nach brauchen die Menschen mehr Anreize statt Belastungen - was Böhme an diesem Abend zum ersten Mal deutlich anfrisst: "Ich glaube, wer in dieser Frage so redet, ist sich der Bedeutung dieses Amtes nicht ganz im Klaren."
Auf anderen Feldern geht es ähnlich munter weiter. Die Grundschulen polarisieren seit Monaten - und Böhme hält es für möglich, dass es von den heutigen zehn Standorten im Jahr 2015 nicht mehr alle gibt.
"Alles gehört auf den Prüfstand", sagt auch Baberske, der die Schulen aber so lange wie möglich erhalten möchte. Krause hat in dieser Frage glasklare andere Vorstellungen. "Wenn Schulen aus den Orten verschwinden, werden diese unattraktiv." Er fürchtet eine Abwanderung der Bevölkerung.
Musste sich wegen der desolaten Finanzlage kritische Fragen gefallen lassen: Bürgermeister Stephan Böhme.
Einig sind sich aber alle drei darin, dass die Schulden von zurzeit fast 60 Millionen Euro deutlich abgebaut werden müssen. Altbekanntes wie Personalabbau oder der Verkauf von städtischen Gebäuden (Baberske: "Ein Mitarbeiter sollte sich genau mit der Abwicklung befassen") wird genannt - und im Prinzip wollen alle sparen, wo es geht. Sogar der im Volksmund "Böhmes Silberpfeil" genannte Dienstwagen wird dabei öffentlich zur Disposition gestellt.
Was alle überrascht: Der Bürgermeister zeigt in dieser Frage Verständnis, obwohl er sein aktuelles Fahrzeug für "relativ günstig" hält. Er kündigt an, das Cockpit künftig zu teilen - und ein sogenanntes Dezernentenfahrzeug anzuschaffen. "Damit können dann mehrere Leute fahren. Aber an den Wochenenden brauche ich es für meine Repräsentationspflichten."
Projekt Biogasanlage vor dem Aus?
In der von MT-Lokalchef Hans-Jürgen Amtage und Porta-Redakteur Dirk Haunhorst moderierten - und von Boogieman Vito musikalisch begleiteten - Veranstaltung nimmt die Politik zwar einen Schwerpunkt ein, doch die rund 120 Zuhörer lernen auch ein wenig die private Seite von Baberske, Böhme und Krause kennen. Bei allen steht an erster Stelle die Familie im Fokus, doch dann driften die Interessengebiete auch schon gewaltig auseinander.
"Ich rechne gerne", sagt der CDU-Kandidat, der für seine Kalkulationen der Müllgebühren bekannt und gefürchtet ist. Böhme plaudert vom Segeln und von der Musik, wo er den Alltagsstress hinter sich lassen kann - und Krause outet sich als großer Fan seines Heimatortes Barkhausen, in dem er Schützenoberst ist. "Wenn ich das Denkmal sehe, geht es mir gut."
Die Kandidaten müssen sich vom Moderationsteam kritische Fragen gefallen lassen, gehen aber auf dem Podium überwiegend nett miteinander um. Nur ab und zu wird verbal zum Angriff geblasen, wobei das Ziel jedes Mal Böhme heißt. "Sie haben fünf Jahre gebraucht, um den Fuhrpark zusammenzufassen. Das finde ich traurig", sagt Baberske - und auch Krause bemängelt mit klaren Worten, dass der Bürgermeister mit einer "Politik der ruhigen Hand" viel Zeit verschenkt habe. Böhme weist diese Kritik ebenso deutlich zurück. "Als Bürgermeister bin ich kein Alleinunterhalter. Da muss man für Mehrheiten sorgen."
Kindergartenplätze für "unter Dreijährige", Fremdenverkehr, weniger Kassenkredite (Baberske: "Wir müssen um die Hälfte runter") oder Straßen: Was die Frage des Wirtschaftsstandorts betrifft, sind sich die Bewerber im Grunde einig. Auf allen drei gemalten Bildern ist dieser vertreten - und für die drei Kandidaten ist er eine Art Lebensader der Stadt. "Porta hat eine hervorragende Infrastruktur", sagt Krause, der die vorhandenen Gewerbegebiete "erst mal füllen will". Für Baberske ist dies zugleich ein Ansatz für neue Arbeitsplätze.
Aufs Tapet kommt zum Schluss noch die angedachte Biogasanlage im Nammer Gewerbegebiet. Böhme sagt auf Nachfrage, dass sich der mögliche Investor offenbar anderswo umsehe. "Es sieht so aus, dass sich da jemand zurückziehen möchte."
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