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28.04.2009
Als die Tracht Prügel zum Alltag gehörte
Grausamkeiten gegenüber Heimkindern in den 50er- und 60er-Jahren auch im Wittekindshof / Betroffene klagt an
VON NICOLE SIELERMANN

Bad Oeynhausen (nw). Die Vorwürfe, die Hildegard Neumeyer auf den Tisch bringt, wiegen schwer. Es muss eine schreckliche Zeit gewesen sein, die sie als junges Mädchen im Wittekindshof hatte. Immer wieder Schläge, immer wieder Beruhigungsmittel und immer wieder eingekerkert im sogenannten Besinnungsstübchen ohne Fenster hoch oben unter dem Dach.

Längst herrscht im Wittekindshof ein anderer Umgang mit Kindern. Über die Quälereien in den Nachkriegsjahren schweigt das Archiv. | Foto: privat

Was Hildegard Neumeyer als Heimkind auf dem Wittekindshof erlebte, lässt sich kaum verarbeiten. Nach vielen Jahren sucht sie nun die Öffentlichkeit. Möchte aufmerksam machen auf die Grausamkeiten in den 50er- und 60er-Jahren, die so oft unter den Tisch gekehrt wurden. Nun, nach vielen Jahren, verspricht auch der Wittekindshof selbst schonungslose Aufklärung. "Das Thema war lange tabuisiert", sagt Prof. Dr. Dierk Starnitzke. Der Vorstandsprecher weiß, warum: "Es war ein Makel für die Anstalt."

Zehn Jahre lebte die heute 63-Jährige als Heimkind in der Diakonischen Einrichtung in Volmerdingsen. Inzwischen ist sie verheiratet, hat Kinder und wohnt in Bayern. "Ich war elf, als ich 1956 aus einem Kinderheim bei Lünnen auf den Wittekindshof verwiesen wurde", sagt Hildegard Neumeyer. Warum - das ist für sie nicht mehr nachzuvollziehen. Zehn Jahre Wittekindshof, von denen vor allem die ersten fünf Jahre Spuren hinterlassen haben: "Ich wurde von einer freien Schwester betreut", sagt Neumeyer. Was sie mit der erlebt habe und erleiden musste, habe weder etwas mit Liebe noch mit Engagement zu tun gehabt. "Sondern ausschließlich mit Menschenverachtung, Sadismus und permanenten Teufeleien." Da sei es kein Wunder, dass sie ein verstocktes, ängstliches Kind gewesen sei.

"Immer wieder gab es Schläge mit dem Kleiderbügel auf den Rücken - selbst bei nichtigsten Anlässen. Es wurde uns der Kopf auf den Holztisch geschlagen, wenn in der Mittagspause geredet wurde. Oder wenn wir uns widersetzt haben, wurde uns ein Medikament gespritzt. Danach war man benommen und nicht mehr handlungsfähig", beschreibt sie das Erlittene.

Im Gera-Haus hat die 63-Jährige damals gewohnt. Zusammen mit 20 anderen Kindern musste sie sich einen Schlafsaal teilen. "Irgendwann habe ich mal aus Versehen eine Puppe kaputtgemacht."

"Umgang mit Kindern ganz eindeutig anders"

Die Folgen waren fürchterlich. "Die Schwester hat mich in das Besinnungsstübchen gesteckt", erzählt Hildegard Neumeyer, und die sonst so resolute Stimme wird leise. Das sei ein Raum unterm Dach gewesen, das Fenster dunkel übermalt. "Ich war elf Jahre alt und wollte einfach nur sterben." Ein Schluchzen unterbricht den Satz, Tränen kullern. Es dauert einige Zeit, dann hat sich die 63-Jährige wieder gefangen. Leise erzählt sie davon, dass sie deshalb das Essen verweigert habe. "Aber ich wurde festgehalten und alles zwangsweise in mich hineingeschaufelt. Selbst Erbrochenes."

Mehrfach hat Hildegard Neumeyer das Gespräch mit den Verantwortlichen des Wittekindshofes gesucht. Zuletzt unter dem ehemaligen Vorstandssprecher Pfarrer Horst Ritter. Zufrieden ist sie mit dem Ergebnis ihrer Besuche nicht. "Ich möchte noch einmal das Gespräch suchen", sagt sie. Und trifft damit beim jetzigen Vorstandssprecher Starnitzke auf offene Ohren. Wobei er die konkreten Vorwürfe von Hildegard Neumeyer weder bestätigen noch dementieren kann. "Ich war nicht dabei. Aber sicherlich ist so etwas leider immer mal wieder passiert."

Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren sei Gewalt in der Erziehung gängig gewesen. "Der Umgang mit Kindern war ganz eindeutig anders als heute", sagt der Pfarrer. Er selbst habe 1970 noch Prügel vom Lehrer in der Schule bezogen. Wobei man heute mit Skepsis auf diese Methoden blicke. "Wir können solche Erziehung nicht mehr gutheißen", sagt Starnitzke. Durch die damaligen Rahmenbedingungen (zu wenig qualifiziertes Personal) sei es oft zu Überforderungen gekommen - die Lösung waren Schläge. "Das ist aber keine Legitimation. Aber vielleicht kann man es dadurch erklären", sagt er. "Weil so etwas nicht mehr vorstellbar ist."

Hildegard Neumeyer jedenfalls setzt alles daran, auch das letzte Detail aufzuarbeiten. "Ich habe diese Jahre lange verdrängt", sagt sie. "Weil sie mich sehr belasten." Doch nun sei es an der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Über Gewalt gegen Kinder schweigt die Aktenlage

2012 feiert der
Wittekindshof 125-jähriges Jubiläum. Bis dahin soll und will der
Historiker Prof. Hans-Walter Schmuhl mit Assistentin Dr. Ulrike Winkler
die Chronik fertig haben. Er ist Spezialist für Diakoniegeschichte und
hat die dunklen Kapitel der Evangelischen Stiftung Volmarstein und
Bethel Freudenstadt aufgearbeitet. Für die Arbeit auf dem Wittekindshof
sucht Schmuhl unter anderem das Gespräch mit Betroffenen – Mitarbeiter
und Bewohner – und bekommt alle Unterlagen der Einrichtung. "Schläge
wurden damals nicht in Akten aufgenommen", sagt Dierk Starnitzke. So
etwas würde sich nur über Gespräche herausfinden lassen. Schmuhl, so
Starnitzke, sei extern und unabhängig und würde nichts unter den Tisch
kehren. Das zeige die schonungslose Offenlegung seiner Arbeit in
anderen Einrichtungen. (nisi)

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 27.04.2009 um 21:25:13 Uhr
Letzte Änderung am 28.04.2009 um 01:59:54 Uhr

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Kommentare
Ich habe eine Freundin, und viele bekannte die mir
verschiedene Sachen erzählt haben. Zum beispiel wurden die Mädchen auf den Wittekindshof (Gerahaus) ebenso auf deutsch gesagt mißhandelt.
Sie wurden mit einer Radioschnur verhauen.
Und teilweise bekamen sie sogar zur Nacht eine
Zwangsjacke um, damit die nicht auf Toilette konnten. Und bekamen obendrein noch schläge
Wie das Bett voll war.Bei den Jungs war es auch nicht anders. Den wurde in den Rippen geboxt.
Wie die Nachts zur Toilette wollten, bekamen sie
Schläge mit den Handfeger. Wer das lesen tut, sollte sich nicht scheuen da ein Kommentar Abzugeben. Wen das einer lesen tut, kommt es bestimmt bekannt vor. Also scheut euch nicht.

Liebe Redaktion,auch ich bin ein betroffener von dem Haus des grauens HEPHATA (MG) ende der 60er.Ärzte hatten mich dort eingewiesen weil sie mich für krank hielten.Meine Krankheit:auf grund von schläge lief ich oft weg von daheim auf der suche nach liebe und geborgenheit.In Hephata war es noch schlimmer.Fast täglich gab es schläge.Nachts wurde man seh oft von einigen Erziehern weibl. und männl. sexuell belästigt.Vor angst wurde man zum bettnässer.Wehrte man sich musste man für stunden nackt auf dem flur stehenoder man wurde mit gewallt eiskalt abgeduscht.Dazu kam noch esssenentzug und man kam für tage in diese ZELLE.Ein Erzieher hatte sich erschossen weil es rauskam das er schutzbefohlene sexuell belästigte.Auch wurden uns Taschengelder abgezogen die wir verdient haben durch heimarbeiten von Firmen.Durch die heutigen medienberichte über die Kirchen kommt alles wieder in mir hoch.Gerne würde ich diesen platz des grauens noch einmal sehen,kann es mir aber nicht leisten da ich in süddeutschland wohne.Freundlichst R.Messy

Bestätigung
Ich kann die Angaben nur bestätigen. Ich bin selber ehemaliges Heimkind, die letzte Anstalt von insgesamt 5 war die Evangelische Bildungs- und Pflegeanstalt Hephata in Mönchengladbach. Hier war ich von 1959 bis 1969. Auch hier war die Prügelstrafe mit dem Tröster, so nannten wir den Stock, an der Tagesordnung, wobei das weibliche Erziehungspersonal das mit Abstand schlimmere war. Das Besinnungsstübchen kenne ich ebenfalls: Ein kleiner Raum mit einem Bett und einem Putzeimer auf einer Gummiunterlage als Toilette. Als Sondervergünstigung konnte ein Buch mitgenommen werden. Sonst nichts.Auch kein Wasser. Wenn ich in Urlaub zu Hause war und wieder zurück musste, habe ich tagelang vorher geweint. Ich habe nach einem Selbstmordversuch und psychologischer REHA betreutes Wohnen (BeWo). Die Todessehnsucht bleibt. Zur Zeit schreibe ich eine Biographi, soweit ich mich erinnern kann, für meinen Psychotherapeuten. Es ist nicht einfach. Meine Therapeutin vom BeWo hat mir geraten, nur dann weiter zu schreiben, wenn kurz darauf die Betreuung zu mir kommt.
Die Anstalt ist heute die evangelische Stiftung Hephata, sie gibt sich alle Mühe, den Makel der Anstalt loszuwerden. In einem Prospekt der letzten Zeit wird diese Stiftung hoch gelobt. Allerdings ist hier auch eine Doppelseite mit einem Bereicht eines Ehemaligen. Die damaligen Verhältnisse werden zumindest nicht ganz totgeschwiegen. Für mich hört die Anstalt Hephata allerdings nicht auf, eine Anstalt zu sein.

Als die Tracht Prügel zum Alltag gehörte
Nach der Aufarbeitung der Verbrechen an behinderten Kleinkindern und Schülern in den damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein will das Historiker-Duo Schmuhl/Winkler nun Licht in die dunkle Vergangenheit des Wittekindshofes bringen. Das ist auch höchste Zeit, denn bereits vor 2 Jahren haben es die Spatzen ins Internet gepfiffen, daß es dort wohl kaum anders als in Volmarstein war. Andere Behinderteneinrichtungen werden folgen. Noch gestern Abend erzählte mir die Frau eines ehemaligen Mitarbeiters des Wittekindshofes, daß die Geistigbehinderten zum Auslauf auf einem Balkon die Runde drehten. Der zukünftige Skandal ist ein anderer: Das Leid der geschundenen Behinderten spielt am "Runden Tisch Heimkinder" keine Rolle. Sie sind von der Aufarbeitung auf politischer Ebene ausgeschlossen. Das hat die Freie Arbeitsgruppe JHH 2006, die das Schicksal ihrer Mitschüler in Volmarstein auch unabhängig von den Historikern dokumentiert hat, vom Runden Tisch schwarz auf weiß. Näheres hierzu: Link unterdrückt . Aber vielleicht ist diese Ausgrenzung politische Absicht, damit nicht die Tragödie um die Hilflosesten der Gesellschaft die Menschen nicht auf die Barrikaden treibt. Jedenfalls wurde der Petitionsausschuss schon vor über einem Jahr mit den Verbrechen im Volmarsteiner Heim für behinderte Kinder mehrfach konfrontiert. Reaktion: null.
Helmut Jacob


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