Die Personalratsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken über Fehler, Verantwortlichkeiten und den Verhandlungstisch
Minden (mt). Zwischen Vorstand, Träger und Mitarbeitervertretungen der Mühlenkreiskliniken (MKK) ist man sich nur darin einig, dass ohne motivierte Mitarbeiter die Sanierung des Konzerns zumindest schwierig wird. Dennoch pflegen beide Seiten die Gegensätze, lassen den Sand im Getriebe. MT-Redakteur Hartmut Nolte sprach mit der Personalratsvorsitzenden Christina Weng.
Frau Weng, die Personalratsarbeit in den Mühlenkreiskliniken ist sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig. Was motiviert Sie für Ihre tägliche Arbeit?
Die Arbeitswelt im Krankenhaus gehört zu den komplexesten überhaupt. Die medizinische Entwicklung schreitet rasant voran, der Arbeitsdruck auf die Beschäftigten wird allerorts durch Personalabbau, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen verdichtet - auch in unseren Kliniken in bedenklichem Maß. Als Personalrätin nutze ich täglich meine Spielräume für mehr Balance zwischen Systemfehlern mit teils unrealistischen Anforderungen und den "Leidtragenden". Also kümmere ich mich zusammen mit meinen Personalratskolleginnen und -kollegen um die Kümmerer. Das ist tägliche Herausforderung und Motivation.
Die Schlagzeilen über den Klinikenverbund und das Johannes-Wesling-Klinikum im Besonderen sind negativ. Wie wirkt das auf die Gemütslage der Beschäftigten?
Diese Schlagzeilen haben zwei Ebenen. Zum einen ist den meisten Menschen klar, die AöR-Mitarbeiter machen einen exzellenten Job, sofern man sie lässt und beteiligt. Das zeigen häufig die Leserbriefe. Zum Anderen gibt es eine Vielzahl von Fehlentscheidungen und ungeklärten Verantwortlichkeiten, die bei einem öffentlichen Haus nicht totgeschwiegen werden dürfen, wenn am Ende auch Steuerzahler an den Lösungen beteiligt werden.
Mit dem neuen Mindener Klinikum haben sich vor allem Ärzte, Schwestern, Pfleger mit neuen Strukturen in neuen Räumen, in neuen Teams, auch mit neuen Apparaturen, vor allem mit neuen Betriebsabläufen zurechtfinden müssen. Hier hakt es immer noch an vielen Stellen. Waren es zu viel Umstellungen, war die Vorbereitung nicht ausreichend oder sind das Systemfehler?
Die Steuerung in der Umsetzung der neuen Betriebsorganisation ist sicher Mängel behaftet. Es fehlte im Vorfeld an ausreichend Schulung und der Einarbeitung in komplett neue Arbeitsprozesse. Experten halten eine Umstellungszeit für solche Großprojekte von zwei Jahren für realistisch. Aktuelle Sanierungsentscheidungen grätschen jetzt zusätzlich in diese zerbrechlichen Prozesse hinein. Wege, die der Baukörper verursacht und Wartezeiten, die nach wie vor oft sehr lang sind, tragen nicht gerade zu steigender Zufriedenheit bei.
Das Johannes-Wesling-Klinikum wurde gebaut, weil die Sanierung der alten Kliniken zu teuer war ohne die notwendigen Strukturveränderung zu erreichen. Jetzt sind die Kosten noch höher, wo sehen Sie die wichtigsten Ursachen?
Die Sanierung der Altbauten hätte die Chance auf eine Erneuerung der Strukturen vertan. Aber dieser Neubau erfüllt die Erwartungen nicht. Leider hat man sich nicht ausreichend mit den Experten der Arbeit, also den Beschäftigten, auseinandergesetzt - übrigens heute auch nicht. Die Architektur mit 54 Prozent Verkehrs- und nur 46 Prozent Nutzfläche und unrealistische Annahmen zu Unterhaltungs- und Wartungskosten führen zu den Ergebnissen.
Vorstandsvorsitzender Dr. Bracht sagt, den 36 Millionen Euro Finanzbedarf, der für einen Krankenhausbetrieb nötig ist und zu den Kreditkosten noch einen gesunden Gewinn erwirtschaftet, stehe ein Potenzial von 40 Millionen Euro gegenüber, die Sanierung sei also machbar. Können Sie die Rechnung nachvollziehen?
In keinster Weise. Zum einen liegen uns diese Zahlen nicht vor, wir wissen nicht, was dort hinterlegt ist, zum Anderen haben Berater-Annahmen, die vor Jahren keinen Widerspruch duldeten, zum heutigen Ergebnis geführt. Eine Sanierung halten wir aber für möglich, sonst hätten wir keinen Sanierungsrahmenvertrag für einen gleichberechtigten Sanierungsprozess gemeinsam mit der Gewerkschaft angeboten.
Bracht sagt, im Vergleich mit ähnlichen Krankenhäusern werde hier medizinische Leistung zu teuer "produziert". In Projektgruppen sollen Einsparmöglichkeiten herausgefunden werden. Wie stehen Sie zu dieser Vorgehensweise?
Es stellt sich die Frage, wie ergebnisoffen solche Projektgruppen arbeiten können und dürfen, oder ob es nur eine Pseudobeteiligung ist. Die Berichte, die wir kennen, zeigen wenig Erfolg. Einige Projektbeteiligte sind schon ausgestiegen.
Man hat ein internes Kritik- und Vorschlagsinstrument eingerichtet. Was kritisieren Sie daran?
Wir würden es unterstützen, wenn wir das Gefühl hätten, es würde ernst genommen. Aus beschriebenen Fehlern lassen sich schließlich oft Lösungen entwickeln. Beschäftigte berichten Anderes. Drei Mal haben sie sich schon kritisch geäußert, auch das Interimsmanagement hielt dazu Workshops ab. Geändert hat sch frustrierend wenig. Auch den Über- oder Entlastungsanzeigen an den Arbeitgeber sind Problembeschreibungen zu entnehmen. Kritik zu üben wird inzwischen als auch nicht ganz ungefährlich beschrieben. Wer kritisiert, irrt - diese Devise lässt Beschäftigte, die um ihren Arbeitsplatz fürchten, eher verstummen als sich konstruktiv kritisch einzubringen.
Das Neubau-Finanzierungskonzept von 2002 sah einen sozialverträglichen Abbau von 165 Stellen vor. Vom Träger wurde geäußert, die Finanzmisere hänge damit zusammen, dass dies nicht realisiert worden sei. Was halten Sie dem entgegen?
Die Finanzierung basierte aus unserer Sicht von Anfang an auf falschen Annahmen. Dafür sind wir bereits damals gescholten worden. Das Land NRW kommt gegenüber der MKK in keinster Weise seiner verfassten Verpflichtung nach, die Krankenhausfinanzierung bildet keine tatsächlichen Kostensteigerungen ab. Wirkweise und nachweisbare ökonomische Effizienz des Lofertschen Organisationskonzeptes waren ungeklärt. Es zeigt heute seine Schwächen und nicht umkehrbare Bausünden oder die Energiebilanz tun ein Übriges dazu. Die MKK hat seit dem Jahr 2000 permanent Betten und Stellen abgebaut und parallel Fallzahlen gesteigert. Sozialverträglich ist das weder für, die gehen müssen, noch für die weiter steigende Belastung derer die bleiben.
Wo sehen Sie einen Weg zur Sanierung der Finanzen? Ist das ohne größeren Stellenabbau überhaupt möglich?
Der grundsätzliche Zweck eines Krankenhauses bleibt in erster Linie die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Während Banken und Industriebetriebe Fehlentscheidungen mit Milliarden von Steuergeldern "geheilt" bekommen, scheint es für unsere kommunalen Häuser das normalste der Welt zu sein, dass die Beschäftigten als Beitrags- und Steuerzahler zusätzlich auch noch mit ihrem Arbeitsplatz oder weiter erschwerten Bedingungen auch zuungunsten der Patienten zahlen sollen. Die notwendige konsequente strategische Ausrichtung des Konzerns und seines Potenzials sehen wir bis heute nicht.
Arbeitgeber- wie Arbeitnehmerseite betonen, dass eine Sanierung ohne oder gar gegen die Beschäftigten nicht erfolgreich sein kann. Dennoch kommen beide öfter vor dem Arbeitsgericht als am Verhandlungstisch zusammen und keiner weicht auch nur ein Jota von seiner Haltung ab. Sehen Sie noch Chancen zu einem gemeinsamen Weg aus der Krise?
Wenn der Arbeitgeber eine ernstzunehmende gleichberechtigte Beteiligung des Personals über dessen gewählte Vertretung will, steht der Personalrat grundsätzlich zu Gesprächen und Verhandlungen bereit. Das gilt ebenso für die Gewerkschaft Verdi, die zweite interessenvertreterische Instanz der verbandsgebundenen Häuser. Aber es werden trotz der Analysephase, in der wir uns theoretisch noch befinden, weiter wenig nachvollziehbare Entscheidungen getroffen, die immer mit Personalabbau einhergehen. Unsere zugewiesene Rolle heißt damit Wachen über Gesetze und Tarifverträge. Aber der Arbeitgeber kann das jederzeit ändern.
Die Privatisierung steht trotz vieler Erklärungen über Bedeutung und Festhalten an öffentlich-rechtlicher Trägerschaft im Raum. Würden die Beschäftigten dann weniger verdienen?
In unserem Fall nicht. Unsere Häuser sind so hoch organisiert, dass wir uns den Tarifvertrag wenn nötig sofort erstreiten würden. Es ist aber richtig, dass private Betreiber ihre Gewinne auch aus noch schlechteren Arbeitsbedingungen und schlechterer Bezahlung holen.
Scheitert die Sanierung, bekäme eine "kompromisslose" Arbeitnehmervertretung den "Schwarzen Peter". Wem würden Sie den weitergeben?
Weiterzugeben ist da ist nichts. Wir haben das Unternehmen nicht geführt und keine Entscheidungen getroffen, die zu heutigen Ergebnissen geführt haben. Also: zurück an die Verantwortlichen. Wir kämpfen mit den Beschäftigten gegen die Folgen dieser Entscheidungen, den Erhalt einer patientenorientierten Betreuung. Und die Bürger sind so klug, das auch so zu sehen.
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