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20.04.2012
"Gasleitungsloch würde sofort repariert"
Fachleute-Seminar zur Dichtheitsprüfung von Abwasseranlagen am Campus Minden / Frust über Politik
VON HARTMUT NOLTE

Minden (mt). Zu einem "Wasser- und Infrastrukturkolloquium über die Gefährdung von Boden und Wasserhaushalt durch undichte Abwasserkanäle" hatte die Fachhochschule Bielefeld am Dienstag nach Minden geladen.

Über Wohl und Wehe von Dichtheitsprüfungen an Abwasserleitungen wurde jetzt in Minden diskutiert. MT-Archiv | foto: PeSt

Im Audimax am Campus Minden hörten zahlreiche Experten aus Fachfirmen, Planungsbüros und Behörden drei Vorträge über den Stand der gesetzlichen Vorschriften und ihre Umsetzung, über den Forschungsstand zu Gefahren durch Schadstoffaustritt aus undichten Abwasseranlagen (Exploration) sowie zu Fragen der Folgen von Leckagen am häuslichen Abwassersystem für die Standsicherheit des Hauses.

Die Diskussion aber drehte sich hauptsächlich um die Frage: Warum laufen die Bürger Sturm gegen die Dichtheitsprüfung? Das war für einige Teilnehmer Gelegenheit, den Frust über ihre Sisyphosarbeit rauszulassen, gegen Protest und Verweigerungshaltung die Bürger von der Notwendigkeit der Dichtheitsprüfung überzeugen zu müssen.

"Mit dem Bürger zu reden, hat keinen Zweck mehr", hatte der eine aus einer Stadtverwaltung schon resigniert. Ein anderer ergänzte: "Mir fallen keine Argumente mehr ein."

Dabei ist doch eigentlich alles klar. "Die unkontrollierte Exploration von Abwasser stellt eine Gefahr für Boden, Untergrund und Grundwasser dar", erläuterte Gastgeber Prof. Dr. Johannes Weinig den Stand der Wissenschaft. "Was wir wissen, weiß die Politik doch auch", wunderte sich ein Teilnehmer, dass es politisch offenbar nicht möglich ist, diese Erkenntnis akzeptabel umzusetzen. Einen Grund dafür gab Weinig selbst. Die Spannweite des ungewollten Austritts von Abwässern liege zwischen 0,5 und 7,42 Kubikmetern pro Einwohner und Jahr, bei einem Wasserverbrauch von 50 Kubikmetern.

"Starkregen wäscht am meisten aus"

"Bei Starkregen sind es 75 Prozent", riet Weinig dazu, die Leitungen nicht nur einen Tag zu prüfen. Die ausgeschwemmten Schadstofffrachten würden, wenn die Aufnahmekapazität des Bodens erschöpft und der Druck auf die Haftkräfte des Wassers in den Kapillaren zu groß werde, in den harten Untergrund gedrückt. "Die Inhaltsstoffe des Wassers werden im Boden akkumuliert", wies Weinig darauf hin, dass der größte Teil des Wasser verdunste (Exvaporierung).

So würden nicht abgebaute Schadstoffe in den Untergrund, ins Grundwasser gedrückt: Nitrate ebenso wie Chemikalien und aus den häuslichen Toiletten ins Abwasser gespülte Arzneimittel. Und es mache sehr wohl etwas aus, ob biologisch abbaubare Schadstoffe in belebten Boden (Acker) gelangen oder in 2,50 Meter Tiefe in verdichteten Siedlungen.Das Verhalten der stofflichen Abbauprozesse sei wenig erforscht, ebenso die Wirkung von Wasserdruck und Größe des Lecks. Auch seien die tatsächlichen Schäden an den Abwasseranlagen bisher nicht ausreichend dokumentiert.

Die zur Überzeugungsarbeit verpflichteten DHP-Experten in Firmen und Stadtwerken scheitern eher aus anderen Gründen immer neu beim Bürger, der zuerst auf die private Kosten-Nutzen-Analyse blickt. Einer ist der "Regelungs-Flickenteppich", wie ihn Karsten Selleng von der Stadtentwässerung Braunschweig beschrieb: Bundesweit nur eine allgemeine Verpflichtung im Wasserhaushaltsgesetz, in NRW, Hessen und Schleswig-Holstein) einheitliche, aber unterschiedliche Landeswassergesetze und in den meisten Ländern keine Regelung oder den Kommunen überlassen (Niedersachsen).

Ungleichheit sähen Bürger auch bei privaten und öffentlichen Abwasserkanälen. "Prüft die Kommune, die stecknadelkopfgroße Löcher auf 40 Meter Privatleitung moniert, auch ihre Kanäle?", spitzte ein Teilnehmer die Frage zu.

Und natürlich die Kosten: "Wenn der Bürger sein Auto beim TÜV nicht durchbringt, lässt er es sofort reparieren, kein Bürger würde ein Leck an seiner Gas- oder Wasserleitung nicht sofort abdichten, aber beim Abwasser will es keiner", klagten Seminarteilnehmer. Die aber auch die Antwort ahnten: Das Problem liegt oft unter der Kellersohle, die Kosten der Sanierung sind schwer einzuschätzen und können nicht geteilt werden.

Hier sprang Frank Diederich vom Mitveranstalter ein: Sein Verband der unabhängigen Sachkundigen für Dichtheitsprüfungen von Abwasseranlagen (VdSD) plädiere für eine Trennung von Dichtheitsprüfung und Sanierung.

Zumindest Entspannung erhoffen sich die Fachleute von der Neufassung der DIN 1986-30. Die sieht statt der Fristenregelung (in NRW ausgesetzt bis Ende 2015) eine Zeitdauerregelung (bei Neubauten nach 30 Jahren, sonst alle 20 Jahre) vor.

Einig waren sich die Experten, dass private und öffentliche Abwasserlagen aus Gründen des Gemeinwohls (Gefahr für Umwelt und Grundwasser) wie aus privaten Gründen (Schäden wegen verstopfter Leitungen, Hausunterspülung) dicht sein müssen. "Wenn man das dem Bürger klar machen will, muss man ihn mitnehmen", gab ein Teilnehmer eine Politikfloskel weiter. Dann müssen Politiker und Experten zu der Haltestelle zurück, an der sie den Bürger haben stehen lassen und ihn dort vom Einsteigen überzeugen.

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Copyright © Mindener Tageblatt 2013
Dokument erstellt am 19.04.2012 um 23:10:15 Uhr

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Kommentare
@kanalrohr:
In der Tat können sie eine tatsächliche Wasserdichtheit nur mit den von Ihnen genannten Prüfverfahren feststellen.
Aber hier hatte die ansonsten so gescholtene rot/grüne Landesregierung bereits in ihrer Amtszeit auf Drängen von Bürgerinitiativen die einfachere, optische Prüfung auch für Schächte zugelassen.
Da braucht es dann auch nicht zwangsläufig eine Norm oder sonst was (Hilfreich wäre es allemal, wenngleich derartige Werke ja eh keine Anerkennung bei den Gegnern finden), wenn der Gesetzgeber dies so beschließt.
Es gibt dazu mittlerweile auch entsprechende Inspektionstechniken explizit für Schächte, wenn man denn möchte und schon seit langem auch entsprechende DWA- Merkblätter. Gibt es keine größeren, sichtbaren Schäden wie z.B. eindringendes Wasser, Wurzeleinwuchs, Fehlstellen, Ausbrüche usw., usw., ist der Schacht optisch dicht und die Prüfung gilt als bestanden. Genauso wie bei den Rohren und fertig ist. So ganz ohne die angeblichen zwangsenteignenden Sanierungsarbeiten. Ach ich vergaß; die Hütte ist ja schon wegen der 500 Euro für die Prüfung unter den Hammer gekommen.

Letztendlich ist es nun mal so, dass durch die längst überholte blanke Panikmache durch besorgte Bürgerinnen und Bürger sowie das populistische Aufspringen auf diesen Zug durch so manche Minderheitspartei das Thema viel heißer gekocht wird, als es gegessen wird.

Rot/Grün hatte schon letztes Jahr auf die ja zu recht eingebrachten Beschwerden reagiert gehabt und die Anforderungen an die Dichtheitsprüfung mit Zulassung der optischen Prüfung für Leitungen und Schächte bürgerfreundlich gestaltet. Das heißt eben auch, dass ein wirklicher Großteil der Leitungen/Schächte "durchkommt", ohne dass gleich aufwendig saniert werden muss. Aber das passt ja leider nicht ins Bild der besorgten Bürgerinnen, Bürger und gelben Politiker.

Letztlich wäre hier sicher auch die Stadt mal richtig gefordert, um für Klarheit zu sorgen.

@Ich weiß noch mehr.
wie wollen Sie einen "geringfügig undichten Schacht "mit optischer Kontrolle feststellen?Das geht nur mit dem Prüfverfahren die in den techn.Regelwerken wie DIN, DWA-M,ATV-M dargestellt sind (Wasserstands prüfung).Erst der Wert der von der Wasserbenetzten Schachtoberfläche abhängigen Leckagerate (Wasserverlust pro Messzeit) gibt die Aussage ,Prüfung bestanden oderSanieren.Mich würde die Norm intressieren ,wo steht ,daß eine "optische" Schacht Prüfung (offenes Gerinne) außerhalb von Wasserschutzgebieten ausreicht,wie Sie behaupten.

Man ihr schreibt hier teilweise einen Mist, dass geht doch gar nicht.
Schön im Dorf bleiben und nicht über den Tellerrand hinausschauen ist wohl ein typisches Merkmal von einem "kleinwüchsigen Volk am Rande des Teutoburger Waldes" (Zitat aus dem Duden für Personen aus Ostwesfalen).
Es geht doch gar nicht um Dicht oder nicht dicht.
Es geht darum, ob wir wieder in die Zeit zurück wollen, wo wir den Eimer neben dem Bett stehen haben.
Dinge die man Jahrzehnt nicht im Blick hatte, die teilweise aussehen, dass einem die wenigen Haare zu Berge stehen, können nicht von heute auf morgen beseitigt werden. Zeit und eine ruhige Hand sollten da durchaus angebracht sein.
Also bleibt locker und entspannt euch. Solange wir für Dinge, die uns lieb und teuer sind, einen Vollleasingvertrag abschließen können, sollten morgentliche Geschäfte auch fehlerfrei zur weiteren Behandlung in der Kläranlage ankommen.
Und noch viel Spass beim oftmals substanzlosen diskutieren unter ...
Munter bleiben ... und viele grüße aus dem Münsterland einer weiteren Keimzelle des Widerstandes und für die Eimer neben dem Bett

@kanalrohr:
Geringfügig undichte Schächte brauchen schon lange nicht mehr saniert werden. Ebenso geringfügige Schäden in der Leitung. Und bei beiden reicht eine optische Kontrolle aus.

Wo ich Ihnen Recht gebe ist, dass die Anforderungen an die Schächte was Wasserprüfungen angeht, nicht praxisgerecht sind. Aber die müssen ja nicht sein.

Also erstmal locker durch die Hose atmen und nicht gleich Panik machen. :-)

@Bergvolk: Lol. Werfen mir vor, mich nur auf eine einzige Quelle zu beschränken. Und Sie? Außer dem Verweis auf Professor Hepcke kommt da auch nichts. Kann man machen….. kann man machen. :-)
Noch mal: Prof. Weinig schreibt doch genau dass, was Sie anprangern. Dass das mögliche, allseits von den Lobbyisten hoch tragende Gefährdungspotenzial zu wenig untersucht ist und dies weiter untersucht werden muss, um dies nachzuweisen. Nur mit dem Unterschied, dass er davon ausgeht, dass es eine Gefährdung gibt. Nur die Höhe steht noch nicht fest. Nur weil es nicht in Ihre Vorstellung passt, könnten Sie ja trotzdem mal versuchen, nicht blind nur alles das zu glauben, was Ihnen gefällt. Da will einer nun endlich Fakten schaffen und da passt es Ihnen auch nicht.

Und wenn Sie sich beschweren, dass 500 Euro zum Fenster raus geworfen werden, um festzustellen, dass ihre Leitungen dicht sind, erlauben Sie mir den Hinweis auf den schwarzen Glücksbringer. Der kommt noch viel häufiger nur um festzustellen, dass ihre Heizung wunderbar läuft? Ist aber sicher wieder was anderes oder?

Wie sagte schon Pipi Langstrumpf: "Ich baue mir die Welt, wie sie mir gefällt."

Schönen Abend noch.



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