Mit gerade mal acht Jahren starb sie zu Hause bei ihrer Familie in Kabul nach einem Rückfall. Der Tumor in ihrem Kopf, im Jahr 2009 in einer vierstündigen Not-OP im Johannes Wesling Klinikum Minden entfernt, war erneut gewachsen. Der Tumor des Kleinhirns heißt Medulloblastom, wächst enorm schnell und ist bösartig.
In Afghanistan kann man ihr auch beim zweiten Mal nicht helfen. Nach jahrelangem Krieg ist das Gesundheitssystem fast zusammengebrochen. Moderne Impfstoffe sind nicht verfügbar, selbst gegen Tollwut kommt man nicht an: "Dort können die Ärzte nur hilflos zuschauen, wie tagtäglich Kinder daran sterben", beschreibt Dr. Bernhard Erdlenbruch, Chefarzt der Kinderklinik, die miserablen Bedingungen vor Ort. Der Kontakt zwischen dem Klinikum Minden und Azizahs Familie war seit ihrem Aufenthalt in Deutschland aufrechterhalten worden.
Zurück in Afghanistan: Als ihre Haare nach der Therapie wieder wuchsen, kam auch der Tumor zurück. | Foto: pr
So stellte sich die Frage: Sollen wir das Mädchen ein zweites Mal nach Minden holen, um die Operation zu wiederholen? Dr. Erdlenbruch und seine Kollegen haben das Für und Wider abgewogen und sich schließlich gegen eine zweite Operation entschieden. Denn die Prognose, wieder gesund zu werden, sei nach einem Rückfall deutlich schlechter als beim ersten Mal. Darüber hinaus müsste man das kranke Kind erneut der Strapaze einer langen Reise aussetzen. "Der Aufwand stand in keinem Verhältnis zur kleinen Restchance", so Erdlenbruch.
Trauerfeier in der Klinikums-Kapelle
Und vor allem wäre die erneute Wiedereingliederung in ihre Heimat noch schwieriger als beim ersten Mal, so die Befürchtung. Denn nach einem Jahr gefiel es dem Mädchen hier richtig gut: "Sie hat perfekt Deutsch gesprochen, wurde verwöhnt und beschenkt. Die große Aufmerksamkeit bei uns im Eltern-Kind-Zentrum hat sie sichtbar genossen", erinnert sich Elki-Erzieherin Claudia Driftmann. Umgekehrt war das Mädchen mit den brauen Kulleraugen aber auch ein Naturtalent darin, Leute um den Finger zu wickeln. Trotz Chemotherapie zeigte sie eine rasche Auffassungsgabe, war lebhaft und witzig. Sie eroberte Herzen im Sturm. Entsprechend schwer fielen der Abschied und die Rückkehr nach Afghanistan. "Sie wollte nicht zurück", sagt Claudia Driftmann rückblickend. Kinder empfinden ein Jahr als unendlich lang. Azizah zeigte ihre bockige Seite.
Aber es half nichts. Zwei Erwachsene begleiteten Azizah zurück in ihre Heimat. Dort musste sie ihre Muttersprache völlig neu lernen. Sie wurde wütend, weil sie auf dem Fußboden schlafen sollte und verlangte ein Bett. Und sie verschmähte die traditionelle Kleidung ihres Landes, so bunt und schön bestickt diese auch sein mochte. Stattdessen trug sie ihre westliche Kleidung auf, bis sie nicht mehr passte.
Ein zweites Mal hätte man dem Kind diese abrupte Verpflanzung von einem Kulturkreis in den anderen nicht antun dürfen. Da wurden sich die Fachleute schließlich einig. Trotz aller Trauer: Man dürfe nicht aufgeben, meint Dr. Erdlenbruch. "Wenn wir uns durch Misserfolge entmutigen lassen würden, bräuchten wir gar nicht erst in der Onkologie arbeiten." Oder um es mit Berthold Brecht zu sagen: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."
Für alle, die viel mit Azizah zu tun hatten, gab es in der Kapelle des Klinikums eine Trauerfeier. Etwa 30 Menschen nahmen teil. Einige von ihnen erzählten, was sie von Azizah gelernt haben. Oft wurde ihre unbändige Fröhlichkeit genannt. Trotz allem.