Schneiden, rasieren und Seele pflegen: Monika Schulte und ihre Kolleginnen arbeiten als Krankenhausfriseurinnen
Ein Ständer mit Kopftüchern neben der Eingangstür, im Schaufenster reiht sich Perücke an Perücke, davor fahren Patienten im Rollstuhl vorbei - schon der Eingangsbereich weist auf die besondere Umgebung hin. "Man kommt nicht zu mir, weil die Haare gewachsen sind, sondern wegen einer Erkrankung", ist sich auch Tanja Schmelzer der Umstände bewusst, unter denen sie arbeitet. Seit der Eröffnung am 12. April 2008 schneidet, wäscht, färbt und nimmt die 37-Jährige beim Krankenhausfriseur Haare ab.
Der Großteil ihrer Kunden ist von Krankheit gezeichnet. "Ich habe früher nicht geahnt, wie viele Kranke es gibt", sagt Tanja Schmelzer über ihr Leben vor dem Job im Klinikum. "Ich habe mir keine Gedanken gemacht, wie gesund ich bin. Jetzt weiß ich, wie kurz das Leben ist."
Schmelzer und ihre zwei Kolleginnen erleben alle Emotionen mit. Wenn sie Chemopatienten die Haare abrasiert, brechen manche in Tränen aus, andere nehmen es locker. Für Frauen sei dies schlimmer, meint Schmelzer. "Dabei sehen viele Frauen hübsch aus mit Glatze. Die Haare zu verlieren ist doch auch das kleinste Übel. Wichtig ist, dass sie gesund werden."
Nur selten besuchen die Friseurinnen die Kunden auf deren Zimmern, eine Ausnahme sind Kinder, für die der Weg vom Eltern-Kind-Zentrum zu weit ist. Bei ans Bett gefesselten Patienten stehe auch nicht das Frisieren im Vordergrund. "Das geht im Bett nicht. Wir rasieren dann die Haare nur noch ab", sagt Schmelzer.
Sie könne mit ihrem Job gut umgehen. "Wenn ich um 18 Uhr nach Hause gehe, lasse ich die Arbeit hier." Sie gibt aber auch zu, sich um langjährige Kunden Sorgen zu machen. Und wenn junge Menschen an Krebs erkrankt seien, dann bleibe das länger im Kopf. Diese Belastungen halten nicht alle Kollegen aus. Auch Inhaberin Monika Schulte musste sich erst an die Arbeit im Krankenhaus gewöhnen: "Ich hatte ja keine Ahnung." Sie hatte bereits einen Laden am Klinikum II, ehe sie die Filiale im JWK eröffnete. Die Friseurmeisterin erinnert sich noch gut an ihre erste Chemopatientin: Beim Frisieren hielt sie plötzlich immer mehr Haare in den Händen. "Ich musste lernen, damit umzugehen." Ihr halfen Gespräche mit den Ärzten.
Auch die Friseurinnen sind Ratgeber und Seelendoktor. Wenn die Chemotherapie bevorsteht, berät das Team die Patienten und Patientinnen zum Beispiel bei der Perückenwahl, für die der Arzt ein Rezept ausgestellt hat. Dabei wird darauf geachtet, dass die künstlichen Haare den echten ähneln, der Schnitt gleich ist, die Größe wird dem Kopf angepasst. Auch zu den ausgefallenen Augenbrauen geben die Haarprofis Schminktipps. "Bei den Wimpern können wir leider nicht viel tun", bedauert Schmelzer.
Auch Renate Braune holt sich Rat. Die 58-Jährige hat Krebs, heute beginnt die Chemotherapie. Monika Schulte hat aus mehr als 400 Perücken die passende für die zierliche Frau gefunden. "Sie haben damit ganz tolle blaue Augen", lobt Schmelzer. Braune strahlt.
Zu einigen Patienten entsteht eine enge Bindung. Viele lassen sich auch in Monika Schultes Salon frisieren, wenn sie längst wieder gesund sind. "Rund 20 Prozent der Kunden kommen von außerhalb", sagt Schmelzer. Und viele kommen zum Abschluss des Aufenthalts und bereiten sich auf die Zeit danach vor.
"Schulte Team - Friseur im Klinikum", Hans-Nolte-Straße, ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie samstags von 9 bis 13 Uhr geöffnet, Telefon (0571) 7902846.