Während die einen überzeugt sind, dass Babyklappen die Tötung von ungewollten Säuglingen verhindern, kritisieren andere, dass die ausgesetzten Babys niemals eine Chance haben, etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Eine erneute Debatte über das Für und Wider von Babyklappen hat jetzt eine vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene Untersuchung ausgelöst. Der Studie zufolge ist der Verbleib einiger Säuglinge, die in Babyklappen gelegt wurden "unklar". Die Diskussionen gehen so weit, dass über ein Verbot von neuen Babyklappen nachgedacht wird. Bestehende Einrichtungen sollen jedoch weiter geduldet werden.
"Solange es keine wirklichen Alternativen gibt, werden wir an der Babyklappe in Minden festhalten", betont Leona Schoppengerd-Brast, Leiterin der Beratungsstelle "Die Fam", die für die Betreuung der Babyklappe verantwortlich zeichnet. "Eine bessere Alternative wäre die Möglichkeit einer anonymen Geburt in einer Klinik, die es bislang aber nur in Hamburg gibt", meint die Fachfrau. Dort wäre auch eine medizinische Versorgung von Müttern und Kindern gewährleistet.
Jutta Riechmann vom Jugendamt der Stadt Minden sieht für Mütter, die ihr Kind auf keinen Fall behalten möchten, in einer "offenen Adoption" eine Alternative. Die Kinder hätten auf diese Weise die Chance, später etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Es habe sich aber gezeigt, dass betroffene Frauen - und das ziehe sich durch alle Schichten - auf keinen Fall wollten, dass ihre Schwangerschaft in ihrem Umfeld bekannt werde, hält Leona Schoppengerd-Brast dagegen. Panikreaktionen seien nicht selten die Folge.
Zu viele verschiedene Verfahren
"Natürlich hat jeder Mensch das Recht, etwas über seine Abstammung zu erfahren, aber sollte das Recht auf Abstammung höher, als das Recht auf Leben sein?", fragt Leona Schoppengerd-Brast. Wünschenswert wäre es, dass bei anonymen Geburten in Kliniken die Daten von Mutter und Kind gespeichert, aber nur bei Nachforschungen der Betroffenen freigegeben würden. Ansonsten müsse die Anonymität gewährleistet bleiben.
Bislang gebe es keine klaren Aussagen, dass die Tötungsrate von Säuglingen dank Babyklappen zurückgegangen sei, meint Jutta Riechmann. Auf der anderen Seite wisse aber auch niemand, ob die Tötungsrate ohne Babyklappen möglicherweise angestiegen wäre. Glücklich sind Leona Schoppengerd-Brast und Jutta Riechmann über den positiven Ausgang des ersten und bislang einzigen Mindener Falls. So meldete sich die Mutter, die im August 2010 ihr Kind in die Babyklappe gelegt hatte kurze Zeit später beim Jugendamt, wo sie dann von Fachkräften betreut wurde.
"Wir haben das Kind direkt nach dem Auffinden in die Obhut des Mindener Jugendamtes übergeben", erinnert sich Leona Schoppengerd-Brast. Da das Schicksal des Babys zu diesem Zeitpunkt jedoch noch ungewiss gewesen sei, habe sie in die Dokumente beim Verbleib des Kindes "unklar" geschrieben. Es gebe jedoch auch Träger, die die Kinder bis zu acht Wochen in ihrer Obhut behielten. Dadurch könne es zu vollkommen unterschiedlichen Angaben kommen. Bislang gebe es zu viele unterschiedliche Verfahrenweisen, kritisieren die beiden Fachfrauen. "Wir bewegen uns zu oft in Grauzonen, deshalb ist es wichtig, dass jetzt über eine eindeutige rechtliche Regelung nachgedacht wird", betont Jutta Riechmann.
Einig sind sich Jutta Riechmann und Leona Schoppengerd-Brast, dass Babyklappen nur ein allerletzter Ausweg für Frauen sein dürfen. "Unser Ziel muss es vielmehr sein, die Schwangeren früher aufzufangen und ihnen entsprechende Alternativen anzubieten", berichten die beiden Fachfrauen. "Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Schwangere, die in eine Beratungsstelle kommen, anschließend in der Lage sind, schließlich andere Lösungen für sich und ihr Kind zu finden", weiß Leona Schoppengerd-Brast.