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14.04.2012
Chance oder Schicksalsschlag? Mindener halten an Babyklappe fest
Einrichtung erneut in der Diskussion
VON ULRIKE MISSBACH

Minden (mt). Diskussionen über Babyklappen sind nicht neu: Seit es anonyme Annahmestellen für Neugeborene gibt, halten sich die Kommentare von Befürwortern und Gegnern die Waage.

Eine Frau legt zur Demonstration eine Puppe in die Babyklappe. | Foto: MT-Archiv

Während die einen überzeugt sind, dass Babyklappen die Tötung von ungewollten Säuglingen verhindern, kritisieren andere, dass die ausgesetzten Babys niemals eine Chance haben, etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Eine erneute Debatte über das Für und Wider von Babyklappen hat jetzt eine vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene Untersuchung ausgelöst. Der Studie zufolge ist der Verbleib einiger Säuglinge, die in Babyklappen gelegt wurden "unklar". Die Diskussionen gehen so weit, dass über ein Verbot von neuen Babyklappen nachgedacht wird. Bestehende Einrichtungen sollen jedoch weiter geduldet werden.

"Solange es keine wirklichen Alternativen gibt, werden wir an der Babyklappe in Minden festhalten", betont Leona Schoppengerd-Brast, Leiterin der Beratungsstelle "Die Fam", die für die Betreuung der Babyklappe verantwortlich zeichnet. "Eine bessere Alternative wäre die Möglichkeit einer anonymen Geburt in einer Klinik, die es bislang aber nur in Hamburg gibt", meint die Fachfrau. Dort wäre auch eine medizinische Versorgung von Müttern und Kindern gewährleistet.

Jutta Riechmann vom Jugendamt der Stadt Minden sieht für Mütter, die ihr Kind auf keinen Fall behalten möchten, in einer "offenen Adoption" eine Alternative. Die Kinder hätten auf diese Weise die Chance, später etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Es habe sich aber gezeigt, dass betroffene Frauen - und das ziehe sich durch alle Schichten - auf keinen Fall wollten, dass ihre Schwangerschaft in ihrem Umfeld bekannt werde, hält Leona Schoppengerd-Brast dagegen. Panikreaktionen seien nicht selten die Folge.

Zu viele verschiedene Verfahren

"Natürlich hat jeder Mensch das Recht, etwas über seine Abstammung zu erfahren, aber sollte das Recht auf Abstammung höher, als das Recht auf Leben sein?", fragt Leona Schoppengerd-Brast. Wünschenswert wäre es, dass bei anonymen Geburten in Kliniken die Daten von Mutter und Kind gespeichert, aber nur bei Nachforschungen der Betroffenen freigegeben würden. Ansonsten müsse die Anonymität gewährleistet bleiben.

Bislang gebe es keine klaren Aussagen, dass die Tötungsrate von Säuglingen dank Babyklappen zurückgegangen sei, meint Jutta Riechmann. Auf der anderen Seite wisse aber auch niemand, ob die Tötungsrate ohne Babyklappen möglicherweise angestiegen wäre. Glücklich sind Leona Schoppengerd-Brast und Jutta Riechmann über den positiven Ausgang des ersten und bislang einzigen Mindener Falls. So meldete sich die Mutter, die im August 2010 ihr Kind in die Babyklappe gelegt hatte kurze Zeit später beim Jugendamt, wo sie dann von Fachkräften betreut wurde.

"Wir haben das Kind direkt nach dem Auffinden in die Obhut des Mindener Jugendamtes übergeben", erinnert sich Leona Schoppengerd-Brast. Da das Schicksal des Babys zu diesem Zeitpunkt jedoch noch ungewiss gewesen sei, habe sie in die Dokumente beim Verbleib des Kindes "unklar" geschrieben. Es gebe jedoch auch Träger, die die Kinder bis zu acht Wochen in ihrer Obhut behielten. Dadurch könne es zu vollkommen unterschiedlichen Angaben kommen. Bislang gebe es zu viele unterschiedliche Verfahrenweisen, kritisieren die beiden Fachfrauen. "Wir bewegen uns zu oft in Grauzonen, deshalb ist es wichtig, dass jetzt über eine eindeutige rechtliche Regelung nachgedacht wird", betont Jutta Riechmann.

Einig sind sich Jutta Riechmann und Leona Schoppengerd-Brast, dass Babyklappen nur ein allerletzter Ausweg für Frauen sein dürfen. "Unser Ziel muss es vielmehr sein, die Schwangeren früher aufzufangen und ihnen entsprechende Alternativen anzubieten", berichten die beiden Fachfrauen. "Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Schwangere, die in eine Beratungsstelle kommen, anschließend in der Lage sind, schließlich andere Lösungen für sich und ihr Kind zu finden", weiß Leona Schoppengerd-Brast.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2013
Dokument erstellt am 13.04.2012 um 23:27:13 Uhr

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Kommentare
Festhalten an der Babyklappe mangels besserer Alternativen? Welches Wertebild verbirgt sich dahinter? Man / Frau entledigt sich anonym eines Problems und hat ab sofort mit der ganzen Sache, sprich mit dem ungewollten Kind, nichts mehr zu tun. War die Schwangerschaft unvermeidlich? Keine Zeit sich mit den Folgen auseinanderzusetzen? Kein Krankenhaus und soziale Einrichtungen mit einem umfangreichen Angebot flankierender Hilfen? Es gibt keine Notwendigkeit, ein ungewolltes Kind quasi bei ´Nacht und Nebel´ dort abzulegen und damit gleichzeitig seiner Identität zu berauben. Dem angesprochenen Recht auf Leben vor Recht auf Identität kann auch auf menschenwürdigere und, wie ich meine, verantwortungsvollere Weise, Rechnung getragen werden. Die Gesellschaft bietet viele Hilfen für Frauen in Notlagen - sie müssen allerdings angenommen werden wollen.

Was für eine unsinnige Diskussion die die Bundesfamilienministerin da angezettelt hat !
Als hätten die Babys die vor Einrichtung der Babyklappen in der Mülltonne und der Reisetasche auf Bahnhostoilette gelandet sind jemals die Chance Möglichkeit gehabt, später etwas über ihre Herkunft zu erfahren.i
Dieg ganze Aktion bzw. Debatte um die Babyklappen geht komplett an der Realität und ist vollkommen weltfremd..
es geht nicht um die Höhe Tötungsrate von Baby, es geht um lebenswichtige Hilfe für Frauen die sich in einer aktuten Ausnahmesituation befinden und damit verbunden um ihr Baby. Wer das zu Politikum macht, der macht sich zum Selbstmordgehilfen.
Die Ministerin sollte für klare Regelungen sorgen in Sachen Babyklappe bzw. um die Nachsorge der dort angegebenen Babys und die knappen Mittel mit dummen Studien verplempern.


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