Erste Nachrichten in frühestmöglicher Ausgabe am 16. April 1912
Eigentlich hätte die Monatsmitte des April 1912 im Zeichen eines ganz anderen epochalen Ereignisses stehen sollen. Denn in derselben Ausgabe wurde die für den nächsten Tag erwartete Sonnenfinsternis angekündigt, laut Unterzeile "innerhalb der nächsten zwei Jahrhunderte die bedeutendste Finsternis über Norddeutschland". Um 13.22 Uhr sollte sich in Lübbecke und Minden der Himmel minutenlang verdunkeln. Stattdessen stand in den Folgetagen die Welt im Schatten des Untergangs des größten Schiffs seiner Zeit.
Schnellere Information durch drahtlose Telegrafie
Fakten aus dem Minden-Lübbecker Kreisblatt
- Die Titanic hatte wie ihr Schwesterschiff, die Olympia, 45.000 Tonnen, berichtete das Minden-Lübbecker Kreisblatt am 17. April 1912. Damit übertreffe sie "die größten und schnellsten Dampfer" der Cunard Line, die Mauretania und die Lusitania, um 15.000 Tonnen.
- Die Schiffsmotoren waren 46.000 PS stark.
- 280 Meter lang, 30 Meter breit und mit einem Bootsdeck 20 Meter über dem Wasser bot die Titanic größten Komfort als "schwimmendes Hotel".
- Eine Auflistung der Passagiere und der Geretteten gab es am 20. April 1912. In der ersten Klasse wurden 210 von 330 Personen gerettet, in der zweiten Klasse 125 von 320 und im Zwischendeck 200 von 750 Leuten. Von den 940 Mann Besatzung kamen dem Zeitungsbericht zufolge 39 Matrosen, 39 Stewards, 71 Heizer und vier Offiziere in New York an. Demzufolge hätten 1652 von 2340 Menschen den Tod gefunden.
- Tatsächlich kamen 1513 der 2224 Menschen an Bord ums Leben, 711 Besatzungsmitglieder und Passagiere wurden gerettet. In der ersten Klasse starben 118 (von 175) Männer, vier (von 144) Frauen und eines der sechs Kinder. In der zweiten Klasse kamen 154 (von 168) Männer, 80 (von 93) Frauen und keines der 24 Kinder um. In der dritten Klasse starben 387 (von 462) Männer, 89 (von 165) Frauen und 52 (von 79) Kinder. 20 der 23 weiblichen Besatzungsmitglieder wurden gerettet. Von den 885 männlichen Besatzungsmitgliedern konnten sich 192 retten. (Quelle: Wikipedia)
In einer Zeit, als Radio, Fernsehen und Internet noch in weiter Ferne lagen, erfuhren Tageszeitungsleser in Minden am Dienstag, 16. April - am 15. April wäre eine Berichterstattung noch gar nicht möglich gewesen -, dass die Titanic nach einer halben Stunde zu sinken begann und dass "die weiblichen Passagiere von den Rettungsbooten aufgenommen werden" konnten.
Möglich wurde diese schnelle Information durch die drahtlose Telegrafie. Damit hatte die Titanic ihren Hilferuf ausgesendet und die Virginia die Telegrafenstation in Cape Race auf Neufundland informiert.
Bessere Aussichten in der ersten Klasse
Am Mittwoch, 17. April, gab es in der Rubrik "Neueste Nachrichten" in der unteren Hälfte der zweiten Seite unter der Überschrift "Drama auf dem Meere" detailliertere Angaben. So seien am 15. April um 0.27 Uhr (Ortszeit) die letzten Signale der Titanic empfangen worden. Gegen 2.20 Uhr sei das Passagierschiff gesunken. Rund 675 Personen seien gerettet worden. Aus London kam die Meldung: "Im Bureau der White Star Line wird festgestellt, daß sich unter den Überlebenden an Bord der Carpathia alle Passagiere erster Klasse befinden. Das Schiff wird am Freitag früh in Neu-york erwartet."
Unter den Detailangaben zum Havaristen und seiner Technik war zu lesen, dass die Titanic 800 Mann Besatzung und Platz für 5000 Passagiere habe. Besonders die letzte Zahl war eine maßlose Übertreibung. Denn sonst wäre die Zahl der Opfer noch viel höher gewesen. Erst im Laufe der nächsten Tage wurden die Zahlen der Geretteten und der Opfer konkreter.
Am 18. April war von 868 Geretteten an Bord der Carpathia die Rede und von 1490 Toten. "Kaiser Wilhelm und Prinz Heinrich von Preußen haben der White Star Line warme Beileidstelegramme zum Untergang der Titanic gesandt." Nach einer Meldung aus Belfast war ein Teil der 32 Rettungsboote für je 60 Personen mit in die Tiefe gesogen worden. Die frühere Meldung zur Rettung der Erste-Klasse-Passagiere wurde dahin gehend korrigiert, "daß die meisten Notabeln an Bord umgekommen sind". Eine Auflistung von 202 Geretteten aus der ersten Klasse (von 325 Passagieren) und 114 (von 285) aus der zweiten Klasse deutete aber an, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rettung wesentlich von der Passagierklasse und damit von der sozialen Stellung abhing. Außerdem wurde die Zahl der Geretteten runtergeschraubt.
"Unseliges Wettrennen um das blaue Band"
"Die Lehren der Titanic" zog ein Leitartikel am 19. April auf der Titelseite. Darin wurden die Leser beruhigt, dass deutsche Schiffe die weniger gefährliche südliche Route durch den Nordaltatlantik nähmen. Außerdem sei die Zahl der Rettungsboote in Deutschland nach der Zahl der Passagiere bemessen, in England dagegen seien 16 Boote für Schiffe ab 10.000 Bruttoregistertonnen Vorschrift. Erst vor diesem Hintergrund wird verständlich, wie die Reederei behaupten konnte, die Titanic habe doppelt so viele Rettungsboote gehabt wie vorgeschrieben. Zugleich verurteilte der Kommentator des Minden-Lübbecker Kreisblatts das "unselige Wettrennen um das blaue Band des Ozeans". Ein Lichtblick: die "Funkentelegrafie".
Am Samstag, 20. April, wurde über die Ankunft der Carpathia in New York am Vortag berichtet. Am selben Tag begann ein neuer Fortsetzungsroman: "Der Untergang der ,Civilisation" des polnischen Autors Cyprian Norwid (1822-1883), erschienen im Verlag J.C.C. Bruns.